NIHRFF 2013
Preisträger*innen
Internationaler Nürnberger Filmpreis der Menschenrechte:
Norte, the End of History, Norte, hangganan ng kasaysayan, Philippinen 2013, 250 min, Regie: Lav Diaz
Jurybegründung
Die internationale Jury war angetan von dem sorgfältig kuratierten Wettbewerbsprogramm, das uns mit einer Auswahl von bemerkenswerten & stilistisch vielfältigen Filmen bekannt gemacht hat.
Nach einer bereichernden Diskussion kam die Jury zu einer einstimmigen Entscheidung. Der Gewinnerfilm überzeugte uns sowohl durch die epische Anlage seiner Geschichten, als auch durch die intimen Portraits seiner Figuren und ihrer schweren Schicksale. Seine subtile und doch vielschichtige Narration verknüpft soziale, politische, religiöse und literarische Aspekte zu einem organischen und humanistischen Ganzen. Wir waren sehr beeindruckt von den malerisch-realistischen Tableaus, dem emotionalen Schauspiel, dem flüssigen Rhythmus und den starken, fast dokumentarisch anmutenden Dialogen. Wir freuen uns, den Internationalen Nürnberger Filmpreis der Menschenrechte an NORTE von Lav Diaz überreichen zu können.
Open Eyes Jugendjury Preis:
ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt, Deutschland 2013, 79 min, Regie: Anne Kodura
Lobende Erwähnung: Call Me Kuchu, USA 2012, 90 min, Regie: Katherine Fairfax Wright, Malika Zouhali-Worrall
Jurybegründung
Was bedeutet für uns das Thema „Menschenrechte“?
Mit dieser Frage hat sich unser P-Seminar Menschenrechtsfilme am Labenwolf-Gymnasium über eine lange Zeit beschäftigt, und dabei gab es immer neue Uneinigkeiten. Natürlich ist sich jeder darüber im Klaren, was ein Menschenrecht ist, jedoch was es in verschiedenen Lebenssituationen bedeutet, wissen viele nicht genau.
Die zehn Filme, welche im Rahmen des diesjährigen Open Eyes – Projektes ausgewählt wurden, zeigten auf unterschiedlichste Art und Weise den Umgang mit Menschenrechten in verschiedenen Umgebungen und Generationen. Darüber hinaus behandelte jeder Film dieses Thema individuell und wurde mit diversen künstlerischen bzw. dokumentarischen Mitteln gestaltet. Unsere Entscheidung fiel uns dementsprechend schwer und wir mussten Kriterien auswählen, welche uns bei der Auswahl wichtig sind. Am Ende standen wir zwischen zwei Filmen – der eine direkt und mit Fakten, Emotionen und Ereignissen gespickt, der andere ästhetisch und abstrakt im Umgang mit einem problematischen Menschenrechtsthema.
Unbedingt wollen wir deshalb den zweiten Platz „Call Me Kuchu“ hervorheben, dessen Handlung und Schicksale uns sehr berührt haben. Die Aktualität und Wichtigkeit des dargestellten Themas, der Unterdrückung von Homosexuellen, dürfen nicht unterschätzt werden, weshalb wir unabhängig vom ersten Preis eine Empfehlung für diesen Film aussprechen möchten.
Es stellte sich heraus, dass der zweite, poetische Film uns noch mehr zum Nachdenken anregte, da er zum einen viel Interpretationsspielraum offen lässt und zum anderen mit unglaublich schönen Bildern arbeitet. Im ausgewählten Film werden ausschließlich Kinder in einem sehr abgelegenen Asylheim einen Sommer lang begleitet, wodurch deren trister und ereignisloser Alltag deutlich wird. Die Monotonie ihres Lebens wird ausschließlich durch schwarz-weiß Aufnahmen, die auf das Wesentliche beschränkt sind, gezeigt. Ein weiterer Grund für unsere Entscheidung ist, dass sich um uns alle herum solche Heime befinden, jedoch kaum jemand von deren Existenz weiß und das Leben im Schatten der Gesellschaft wahrnimmt. Somit geht der Preis der Open Eyes – Jugendjury an den Film „Ödland – Damit keiner das so mitbemerkt“.
Publikumspreis:
No Fire Zone: The Killing Fields of Sri Lanka, Sri Lanka/Großbritannien 2013, 93 min, Regie: Collum Macrae
Schirmherrschaft und Ehrenpreis 2013:
Mohammad Rasoulof
Mohammad Rasoulof ist nicht nur einer der profiliertesten iranischen Regisseure – er ist auch einer der mutigsten. Rasoulof, der 2011 für Goodbye (Bé omid e didar) mit dem Preis für die Beste Regie bei den Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurde, ist ein Meister der filmischen Allegorie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Welle des iranischen Kinos. Bereits mit seinem zweiten Langfilm Iron Island (Jazireh-heh-Ahani) gelang ihm der internationale Durchbruch. Seine visuelle Poesie entfaltet sich besonders oft in Bildern des ländlichen Iran; sie sind so exquisit komponiert wie die Drehbücher, die er immer selbst schreibt. Dabei gilt sein waches Auge immer den sozialen Umständen und dem politischen Gefüge, in dem sich seine Figuren bewegen. 2010 wurde Mohammad Rasoulof gemeinsam mit Jafar Panahi im Iran wegen angeblicher „Verschwörung und Propaganda gegen die islamische Republik“ zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Berufungsverfahren läuft noch immer, doch der Künstler Rasoulof gibt nicht auf: Sein neuester Film Manuscripts Don’t Burn, eine scharfe Kritik an Zensur und Folter im Iran, feierte im Mai 2013 in Cannes Premiere. Wir freuen uns außerordentlich, dass Mohammad Rasoulof die Schirmherrschaft über das 8. Internationale Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte übernommen hat! Während unserer Preisverleihung am 8.10. wird er den Ehrenpreis unseres Festivals erhalten.
Jury Internationaler Wettbewerb
Tom Fassaert
Tom Fassaert wuchs in den Niederlanden und in Südafrika auf, wo ihn seine Leidenschaft für Fotografie und Musik zum Film brachte. 2006 schloss er sein Studium an der Niederländischen Filmakademie mit der preisgekrönten Kurzdoku Doel Leeft ab, die von einem kleinen flämischen Dorf handelt, das vor dem Abriss steht. Der Film erhielt u.a. eine lobende Erwähnung bei DOK Leipzig. Seit seinem Abschluss drehte Tom mehrere Kurzdokus, arbeitete als Cutter und Dokumentar-Autor. Dem Städtchen Doel blieb er treu und feierte 2011 die Weltpremiere von An Angel in Doel auf der Berlinale – im selben Jahr war Tom mit seinem Film Gast des NIHRFF. Im Augenblick arbeitet er an einer abendfüllenden Dokumentation über seine eigene Familie mit dem Titel A History of Love. Außerdem unterrichtet er an der Nederlandse Filmacademie und im Rahmen des IDFA Mediafonds Workshops.
Lukas Foerster
Lukas Foerster ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 626 „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ der FU Berlin. Er arbeitet auch als Kurator und freier Journalist, unter anderem für die taz, perlentaucher.de und cargo.
Grit Lemke
Grit Lemke wurde 1965 in Spremberg/Niederlausitz geboren. Nach einer Baufacharbeiterlehre und Arbeit im Theater- und Kulturbereich studierte sie Kulturwissenschaft, Ethnologie und Germanistik in Leipzig. Seit 1993 ist sie freie Journalistin für Printmedien, Online und TV. Promotion in Europäischer Ethnologie. Von 2001 bis 2003 arbeitete Sie für das Sheffield International Documentary Festival und seit 1998 für das Festival des osteuropäischen Films Cottbus. Seit 1991 ist sie bei DOK Leipzig tätig, seit 2010 als Leiterin des Dokumentarfilmprogramms.
Kumjana Novakova
Kumjana Novakova ist Mitbegründerin des Pravo Ljudski Film Festival in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Sie studierte Politikwissenschaft und Sozialforschung mit einem Schwerpunkt auf dem Thema Identität, bis sie 2006 Pravo Ljudski ins Leben rief. Seitdem arbeitet sie als Programmleiterin des Festivals. Im Augenblick lebt sie in Sarajevo und Skopje. In Skopje leitet sie das „Neue Medien und Gesellschaft“-Programm der Organisation Studiorum. Kumjana arbeitet eng mit diversen Festivals zusammen. Zuletzt war sie die treibende Kraft hinter der der ersten Dokumentarfilmschule des Balkans – ACTive, die sie gemeinsam mit dem DokuFest (Prizren) und dem MakeDox Filmfestival (Skopje) ins Leben rief.
Ina Rossow
Ina Rossow wurde 1975 in Halle/Saale geboren. Sie studierte Kulturwissenschaft, Journalismus und Ethnologie an der Uni Leipzig und arbeitete als freie Mitarbeiterin für Museen und Ausstellungen. Seit 2002 arbeitet sie als Festivalmanagerin für d.net sales/Deckert Distribution, Egoli Tossell Film (bis 2011) und seit 2011 auch für ma.ja.de. Sie lebt in Leipzig.
Open Eyes Jugendjury
Janina Aastauer, Naomi Freudiger, Viola Karaalioglu, Johanna Kleiser, Valerie Kretschmar, Elisabeth Kuhn, Benita Orend, Naomi Pappenberger, Madeleine Stauber, Klara Teichmann aus dem Labenwolf Gymnasium Nürnberg.
Filme
Filme A-Z

10 % – What Makes a Hero?
Israel 2013, 92 min, Englisch, Hebräisch, Arabisch mit englischen Untertitel, Regie: Yoav Shamir
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
„Was macht einen Helden aus? Was ist Heldentum? Was zwingt jemanden, allen Widrigkeiten zum Trotz, integer zu sein, einmal gegen den Strich zu agieren und für das zu kämpfen, was als gerecht empfunden wird? Der preisgekrönte Regisseur Yoav Shamir (Defamation, Checkpoint) begibt sich auf eine unterhaltsame und aufschlussreiche Erkundungsreise, um den Begriff ,Heldentum‘ zu ergründen – und enthüllt dabei auch grundlegende Wahrheiten über die menschliche Natur. Fünf Jahre lang ist Yoav Shamir mit der Kamera unterwegs gewesen, ist von San Francisco nach New York, in den Kongo, über Deutschland nach Südafrika und zurück nach Israel und Palästina gereist, um die unterschiedlichsten Charaktere zu treffen und diesen Fragen nachzugehen. Er traf die, deren Arbeit sich ganz um die Helden dreht, die die Helden und ihre Geschichten verwalten; er sprach mit Primatologen, Biologen, Neurologen und Genetikern. Er lernte Egoisten kennen, aufrechte Kämpfer, Alltagshelden, Freiheitskämpfer und zu guter Letzt auch einen gewandelten Helden. Er bekam exklusiven Zugang zu einer revolutionären Verhaltensstudie, durchgeführt von zwei führenden Psychologen: Professor Philip G. Zimbardo (Stanford) und Dr. Rony Berger (Tel-Aviv). Wie schon in seinen früheren Filmen führen Yoavs Fragen und seine Suche nach Antworten zu lustigen, dramatischen und überraschenden Situationen und an Orte, die ihn auch mit harten und verwirrenden Tatsachen konfrontieren. ,Der Held in uns‘ wird jeden von uns auf seine Weise erreichen, denn der Film regt an, nachzudenken, wie wir uns selbst verhalten – oder verhalten würden: In unseren Beziehungen, Gemeinden und in der jeweiligen Rolle, die wir im öffentlichen Leben spielen.“ (arte)
Regie: Yoav Shamir
Biografie: Yoav Shamir ist ein mehrfach preisgekrönter, unabhängiger Regisseur, Produzent und Kameramann von Dokumentarfilmen. Sein beeindruckendes Werk, das u.a. beim Sundance Film Festival, der Berlinale und Hot Docs gezeigt wurde, umfasst auch Checkpoint und Defamation, die beide bereits früher beim Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte zu sehen waren.
Filmografie: Checkpoint (2003), 5 Days (2005), Flipping Out (2008), Defamation
(2009), Full Gas (2010), 10 % – What makes a Hero? (2013),
Messiah (2014)
Kamera: Yoav Shamir, Tanya Aizikovich
Schnitt: Omri Ayalon, Sasha Franklin
Produzent*in: Yoav Shamir
Produktionsfirma: Yoav Shamir Films
Weltvertrieb: Cinephil
Deutscher Verleih: Yoav Shamir Films

2 in 1
2 v 1, Russland 2010, 27 min, Russisch mit englischen Untertitel, Regie: Svetlana Sigalaeva
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
In kaum einem europäischen Land ist Homophobie so salonfähig wie in Russland. Seit Juni 2013 gelten landesweit Gesetze, die sogenannte Homosexuellen-Propaganda verbieten. Homophobe Gewalt ist an der Tagesordnung.
„Der Dokumentarfilm 2 in 1 ist die Porträtskizze eines jungen Mannes, der seine Arbeit bei der Polizei liebt. Und Männer. Hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Verlangen erzählt er von seinen Ängsten, seinen Sehnsüchten und was es bedeutet, homosexuell in einem durchweg patriarchalen und homophoben Umfeld zu sein.“ (goEast Filmfestival 2013)
Regie: Svetlana Sigalaeva
Biografie: Geboren 1988 in Moskau. Nachdem sie die Schule beendet hatte, trat sie dem VGIK (Gerassimow-Institut für Kinematographie) auf geschäftlicher Basis bei. Ein Jahr später wurde sie aufgrund unpassender Tätigkeiten wieder ausgeschlossen. Sie arbeitete für ein Filmstudio auf Abruf. 2008 trat sie erneut dem VGIK bei und wurde auf einer von der Regierung finanzierten Arbeitsstelle akzeptiert (im Arbeitskreis von Sergei Misoshinchenko).
Filmografie: 2 in 1 (2010), The Road to Hell (2012), Not with Us (2012), Kardo (2013), Kak k Ivanu Ivanovichu sovest prishla (2013)
Kamera: Sergey Khohriyakov
Produzent*in: Sergey Shirinskiy
Produktionsfirma: VGIK

45 Minutes to Ramallah
Deutschland 2013, 87 min, deutsche Fassung, Regie: Ali Samadi Ahadi
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Roadmovie Nahost. Zwei palästinensische Brüder auf ihrer Fahrt nach Ramallah, die eigentlich nur 45 Minuten dauern soll. Nicht jedoch, wenn man heimlich die Leiche des verstorbenen Vaters transportiert. Durch diverse Missgeschicke geraten sie nicht nur mit der russischen Mafia, sondern auch mit palästinensischen Terroristen aneinander und die kurze Fahrt wird zur Odyssee. Anlässlich der Hochzeit seines Bruders Jamal kommt Rafik, der in Deutschland arbeitet, auf Besuch in die alte Heimat. Während der Hochzeit eskalieren alte Konflikte, der Vater erleidet einen tödlichen Herzinfarkt. Nun ist es an den beiden Brüdern, ihn heimlich von Jerusalem nach Ramallah zu bringen, wo er beerdigt werden soll. Dabei geraten sie von einer Schwierigkeit in die nächste, wobei die israelischen Sicherheitskräfte noch das kleinste Übel darstellen. Nach dem eher unglücklichen Zusammentreffen mit russischen Mafiosi geraten sie schließlich in die Hände palästinensischer Terroristen. Mit Charme und einer gehörigen Portion Ironie erzählt Regisseur Ali Samadi Ahadi die Geschichte einer Familie vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts. Das Drehbuch zu dieser turbulenten Komödie schrieb der Deutsch-Israeli Gabriel Bornstein. Gemeinsam mit dem deutschiranischen Regisseur behandelt er sein todernstes Thema mit unterhaltsamen Mitteln. „Ich denke, dass Komödien mit unbequemen Themen die stärkste und dauerhafteste Wirkung auf den Zuschauer haben. Das Ergebnis sind nicht nur ein paar unterhaltsame Stunden, sondern das Publikum nimmt auch etwas mit, das über den Kinobesuch hinausgeht – etwas, das es herausfordert und hoffentlich zu Diskussionen oder sogar zu persönlichem Handeln bringt. (…) Es ist mir ein persönliches Anliegen, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen und so viele Leute wie möglich mit dieser Geschichte zu erreichen – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ (Ali Samadi Ahadi)
Regie: Ali Samadi Ahadi
Biografie: Regisseur und Autor Ali Samadi Ahadi wurde 1972 im Iran geboren. Mit 12 Jahren kam er 1985 ohne Familie nach Deutschland und machte später sein Abitur in Hannover. In Kassel studierte er Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Film und TV, und begann Ende der 90er Jahre seine Karriere als Filmemacher. Als Regisseur, Cutter oder Kameramann war er an verschiedenen Dokumentationen und Reportagen beteiligt. Ein wahrer Preisregen setzte mit seinem gemeinsam mit Oliver Stoltz inszenierten Dokumentarfilm Lost Children ein, der mit dem Deutschen Filmpreis 2006 sowie mit zahlreichen internationalen Ehrungen belohnt wurde. Mit Salami Aleikum gab Ahadi sein Spielfilmdebüt und eroberte sich mit der Culture Clash-Komödie 2009 einen Spitzenplatz in den Arthouse-Kinocharts. 2010 folgte der preisgekrönte animierte Dokumentarfilm The Green Wave.
Filmografie: Boat People (2000), Afrika maybuye (2003), Culture Clan (2004),
Lost Children (2005), Salami Aleikum (2009), The Green Wave (2010), 300 Worte Deutsch (2013), Pettersson und Findus (2013), 45 Minutes to Ramallah (2012)
Drehbuch: Gabriel Bornstein
Kamera: Rodja Kükenthal, Wedigo von
Schultzendorff
Schnitt: Silke Olthoff
mit: Karim Saleh, Navid Akhavan, Julie
Engelbrecht
Produzent*in: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Armin Hofmann
Produktionsfirma: Brave New Work Film Productions
Deutscher Verleih: Zorro Film GmbH

Die 727 Tage ohne Karamo
The 727 Days Without Karamo, Österreich 2013, 80 min, deutsche Fassung, Regie: Anja Salomonowitz
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Liebe kann Grenzen überwinden. Manchmal muss sie es. Seit 727 Tagen ist eine Österreicherin nach der Abschiebung von ihrem Mann getrennt. Eine Chinesin wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr nach Wien. Binationale Paare kämpfen in Österreich gegen die Schikanen der Behörden. Die Protagonisten erzählen von einem Alltag zwischen Deutschkursen und Hausdurchsuchungen. Viele Beziehungen zerbrechen an den Tücken des Systems. Regisseurin Anja Salomonowitz formt ein raffiniertes dokumentarisches Mosaik, sie zeichnet eine Realität, wie sie viele Paare erleben, und ähnlich einem Staffellauf fügen sich die Momentaufnahmen Szene um Szene zu einer durchgehenden Erzählung. Die 727 Tage ohne Kamaro ist ein überzeugendes filmisches Plädoyer für eine grenzenlose Liebe. Ein Liebesfilm gegen das Gesetz.
„Dokumentarisches Erzählen steht bei Anja Salomonowitz immer vor einem doppelten Anspruch: Ihr Erzählstil zielt zum einen darauf ab, gesellschaftspolitisch relevante Verhältnisse aufzugreifen und für unhaltbare Zustände zu sensibilisieren. Gleichzeitig geht es auch darum, die Sicht auf ein Thema durch ungewohnte Erzählstrategien zu erneuern, zu erweitern oder zu variieren. In Die 727 Tage ohne Kamaro hat die Filmemacherin ihr schon bei Kurz davor ist es passiert entwickeltes Grundkonzept, Dokumentarfilme ‚anders‘ zu erzählen, weiter verfeinert. Das aus der Realität geschöpfte Material und sein emotionales Potenzial werden dabei in ein konstantes Spannungsverhältnis zueinander gesetzt. Anja Salomonowitz verweigert Betroffenen wie Betrachtern ein Mitleidskino. Die 727 Tage ohne Kamaro will vor allem von Menschen erzählen, die für einen anderen Menschen kämpfen und die auf ihrem Recht bestehen, ihren Partner frei zu wählen. Daher hat die Filmemacherin auch (wie bereits in den Filmen zuvor) eine dominante Farbe in ihren Bildern gewählt: Gelb. Für Lebensmut und Kampfgeist und für den Trotz.“ (Karin Schiefer)
Regie: Anja Salomonowitz
Biografie: Anja Salomonowitz wurde 1976 in Wien, Österreich, geboren. Sie studierte an der Filmakademie in Wien und an der Hochschulefür Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. Sie lebt als Drehbuchautorin und Filmregisseurin in Wien. Mit ihrem Film Kurz davor ist es passiert war sie bereits 2007 im Wettbewerb des Internationalen Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte vertreten.
Filmografie: Carmen (2000), Projektionen eines Filmvorführers in einem Pornokino (2002), Monument (2005), Kurz davor ist es passiert (2006), Spanien (2012), Die 727 Tage ohne Kamaro (2013)
Kamera: Martin Putz
Schnitt: Petra Zöpnek
Produzent*in: Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Bady Minck
Produktionsfirma: AMOUR FOU Vienna

The Act of Killing
Dänemark, Großbritannien, Norwegen 2012, 115 min, Indonesisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Joshua Oppenheimer
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
Inhalt
„So?“ – „Ja so, und dann die Drahtschlinge zuziehen.“ Bereitwillig und voller Stolz spielen die Mörder von damals ihre Taten nach. Man mag es nicht glauben, was in seinem Dokumentarfilm ins Rampenlicht gestellt wird. 1965 wurden in Indonesien über eine Million sog. Kommunisten von der Armee, Paramilitärs und Gangsterbanden ermordet. Bis heute sitzen die Täter an den Schaltstellen der Macht; der Stolz auf ihr Morden ist so groß, dass sie gerne bereit waren, einen Spielfilm auf der Basis ihrer Taten von damals zu inszenieren. Was Joshua Oppenheimer gemacht hat, ist – genau genommen – eine Zumutung für das Publikum. Täter ihre eigenen Taten nachspielen zu lassen ist vielleicht noch zu ertragen, wenn aber nach und nach deutlich wird, dass sich an den Machtverhältnissen in den letzten 40 Jahren nichts geändert hat, die Mörder bis heute mit ihren Taten prahlen und die Opfer erniedrigen, dann bekommt man tiefere Einblicke in die gesellschaftlichen Strukturen des Urlaubsparadieses Indonesien als einem lieb ist.
Der Regisseur über seinen Film
Im Interview mit Anett Keller für Spiegel Online spricht Oppenheimer über seine Motivation: „Bisherige Dokumentationen haben sich auf die Opfer konzentriert, weil sie uns zeigen sollten, dass unsere moralische und politische Haltung den Opfern nahe ist. Aber ich schreibe täglich auf einem Computer, der in einer Fabrik hergestellt wurde, wo die Arbeiter so schlechte Lebensbedingungen haben, dass es an den Balkonen ihrer Wohnheime Netze gibt, die sie vor dem Sprung in den Tod bewahren sollen. Und ihre Bedingungen sind so schlecht, weil es Leute wie die von mir gezeigten ehemaligen Paramilitärs gibt, die ihnen Gewalt androhen, sollten sie für eine Verbesserung ihrer Lage kämpfen. […] Wir alle sind Gäste eines kannibalischen Festgelages. Und wir wissen das und wir fühlen uns schlecht deswegen, aber wir funktionieren weiter, leben, kaufen ein, konsumieren. Sind wir damit nicht den Tätern viel näher als wir glauben?“
Regie: Joshua Oppenheimer
Biografie: 1974 in Texas, USA, geboren, ausgebildet in Harvard und am Central St. Martins in London. Seine Kurz- und Dokumentarfilme, in denen er sich seit über zehn Jahren mit Milizen, Todesschwadronen und ihren Opfern beschäftigt, wurden vielfach ausgezeichnet. Neben seiner Arbeit als Filmemacher leitet er die Forschungsgruppe „Genocide and Genre“ des britischen Arts and Humanities Research Council.
Filmografie: These Places We Learned to Call Home (1997), The Entire History of the Louisiana Purchase (1997), Land of Enchantment (2001), The Globalization Tapes (2003), Show of Force (2007), The Act of Killing (2012)
Kamera: Carlos Arango de Montis, Lars Skree
Schnitt: Niels Pagh Andersen, Janus Billeskov Jansen, Mariko Montpetit, Ariadna
Fatjo-Vilas Mestre, Charlotte Munch
Bengtsen, Erik Andersson
Produzent*in: Signe Byrge Sørensen, Joshua Oppenheimer
Produktionsfirma: Final Cut For Real
Weltvertrieb: Cinephil
Deutscher Verleih: Wolf Consultants
(Neue Visionen Filmverleih)

AFTER THE SILENCE
what remains unsaid does not exist?
DUPĂ TĂCERE ceea ce nu e rostit nu există?, Frankreich, Rumänien 2012, 96 min, Rumänisch, Englisch, Französisch mit englischen Untertitel, Regie: Vanina Vignal
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Sturz des Diktators ist nicht das Ende der Diktatur. Dieser bedrückenden Wahrheit spürt der Film von Vanina Vignal in sehenswerter Weise nach. Der Film macht sich auf die Suche nach den Spuren, die staatlicher Missbrauch und Unterdrückung in Rumänien hinterlassen haben, setzt sich auf die Spur der Angst und des Schweigens, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Auch heute – mehr als 20 Jahre nach dem Tod Nicolae Ceausescus – ist sein Geist immer noch präsent.
Die Regisseurin über ihren Film
1991 lernte ich Ioana in Bukarest kennen. Ein Jahr nach dem Putsch, den die Medien jedoch als „Revolution“ bezeichneten. Als wir uns kennenlernten, redeten wir über alles, nur nicht über die Diktatur, von der sich ihr Land erst kürzlich befreit hatte. Als ob das Schweigen das auslöschen könnte, was immer noch zu schmerzhaft war. Da sich zwischen uns eine starke Bindung entwickelte, besuchte ich Ioana und ihre Familie regelmäßig nach meinem Studium in Bukarest. Ioanas Tochter wurde mein Patenkind und Rodica, Ioanas Mutter, eine Ersatzmutter für mich. Ich begann die Probleme des Landes von ‚innen‘ zu verstehen. Und jetzt kann ich sie auch fühlen. Dies half mir, als ich mich mit den Themen Missbrauch, Schweigen und Angst auseinandersetzte. Daraus besteht der Kokon, den Ioana um sich herum gesponnen hat – ein virtueller Kokon, der sie vor der reellen Außenwelt bewahrt und vor dem Missbrauch der Gegenwart und der Vergangenheit schützt. Da das alte System in Rumänien noch tief verankert ist, hat sich Ioana – kraftlos und depressiv – in ihre Familieneinheit zurückgezogen. Sie verweigert sich der Realität und behält so unbewusst und unfreiwillig die Verbindung zur historischen Ungerechtigkeit aufrecht – der Kokon ist zu ihrer persönlichen Zelle geworden. Mein Film zeigt anhand Ioanas Geschichte, dass das Leben unter einer Diktatur zu einer Lebensform wird und, dass dies eben nicht das „Privileg“ der ehemals kommunistischen Länder ist.
Regie: Vanina Vignal
Biografie: Vanina Vignal wurde in Frankreich geboren. Sie wurde als Schauspielerin an der Jacques Lecoq International School of Theater and Movement und am Konservatorium des rumänischen Nationaltheaters ausgebildet. Sie arbeitete viel am Theater gearbeitet und hat dort ein subtitles Verständnis für die Dramen des Alltags gewonnen. Sie ließ sich zur Schnitt- und Regieassistentin ausbilden, bevor sie sich eigenen Projekten zuwendete. Stella (2007) war Vanina Vignals erster Film als Regisseurin. After the Silence ist der zweite Film einer Rumänien-Trilogie.
Filmografie: Stella (2007), AFTER THE SILENCE What remains Unsaid Does Not Exist? (2012)
Kamera: Vanina Vignal
Schnitt: Mélanie Braux
Produzent*in: Vanina Vignal, Cristian Mungiu
Produktionsfirma: NOVEMBREproductions, Mobra Films

Ai Weiwei – Never Sorry
USA 2012, 90 min, Chinesisch, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Alison Klayman
Open Eyes
Inhalt und Infos
Inhalt
„Ich fühle mich wie ein Schachspieler“, sagt der chinesische Avantgarde-Künstler und politische Aktivist Ai Weiwei, „mein Gegner macht eine Bewegung, und dann mache ich die nächste.“ Er boykottierte 2008 die Olympischen Spiele in Peking, als er erkannte, dass sie als Parteipropaganda missbraucht werden sollten. Als die Behörden das Erdbeben in der Provinz Sichuan zu vertuschen suchten, recherchierte er die Namen jener mehr als 5.000 Kinder, die in den Trümmern der nachlässig gebauten Schulen umgekommen waren. Ai Weiwei macht seinen Widerstand gegen das Verschweigen und Verdrängen stets öffentlich. Seine Auftritte im Internet, die ungeschminkten Wahrheiten in seinem Blog führen regelmäßig zu polizeilichen Schikanen. Doch er gibt nicht auf: Staatliche Verfolger und Bewacher werden von ihm mit der Videokamera dokumentiert und wiederum ins Netz gestellt. Fast wie nebenbei bereitet er Ausstellungen vor und pflegt enge Beziehungen zu seiner Familie. Drei Jahre lang begleitete Alison Klayman den weltweit gefeierten Aktivisten. Aus Hunderten Stunden Material montierte sie das erste abendfüllende Filmporträt über ihn: eine differenzierte Beschreibung heutiger chinesischer Zustände zwischen Willkür und Widerstand. (Berlinale Special)
Regie: Alison Klayman
Biografie: Alison Klayman wurde 1984 in Philadelphia, USA, geboren. Sie studierte Geschichte an der Brown University und schloss 2006 mit Auszeichnung ab. Anschließend lebte sie vier Jahre in China, wo sie TV- und Radio-Features für verschiedene Sender produzierte. Hier arbeitete sie gleichzeitig an ihrem Dokumentarfilmdebüt Ai Weiwei – Never Sorry.
Filmografie: Ai Weiwei – Never Sorry (2012)
Kamera: Alison Klayman
Schnitt: Jen Fineran
Produzent*in: Alison Klayman, Adam Schlesinger
Produktionsfirma: MUSE Film and Television
Weltvertrieb: Independent Film Company, London
Deutscher Verleih: DCM

Alms for the Blind Horse
Anhey gorhey da daan, Indien 2011, 112 min, Panjabi mit englischen Untertiteln, Regie: Gurvinder Singh
Internatonales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Film des Regisseurs Gurvinder Singh zeigt einen Tag aus dem Leben einer Familie, die in einem kleinen indischen Dorf im Punjab lebt. Der in die Jahre gekommene Vater schließt sich dem stummen Protest der Dorfbewohner gegen die Hausbesitzer an, seine Frau lässt sich deren Willkür nicht mehr gefallen und setzt sich handgreiflich zur Wehr. Derweilen wird ihr Sohn Melu, Rikschafahrer in der Stadt, im Verlauf eines Streiks verletzt. Nach der Arbeit trifft er sich mit seinen Freunden und man geht gemeinsam etwas trinken. Später wandert Melu durch dunkle Straßen. Um Mitternacht sind in der Ferne Schüsse zu hören. Sie kommen aus seinem Dorf … Abseits jeder Bollywood- oder Ethno-Romantik in teils atemberaubenden Bildern zeigt Regisseur Singh in seinem Spielfilmdebut eine Dorfgemeinschaft am Abgrund. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahre 1976, der den Regisseur nicht mehr losließ. Singh transformiert die Geschichte in elegische, ungewohnt ruhige, experimentelle, teils gemäldehafte Bilder, die zeitlos wirken. Hinzu kommt eine durchdachte Tongestaltung, bei der sich die Alltagsgeräusche mit der nähernden Gefahr steigern. Die meisten Akteure, die Singh wählte, waren Laiendarsteller. Dem jungen Regisseur Gurvinder Singh stand dabei der Altmeister des unabhängigen indischen Kinos Mani Kaul aktiv zur Seite. Singh wollte zeigen, wie sich die erlebte Unterdrückung in die Gesichter der Menschen eingeschrieben hat: „Das menschliche Gesicht ist eine Landschaft. Die gelebte Wirklichkeit der Zeit, alles Ertragene, Gelebte und Gelittene spiegelt sich in den Gesichtern wider.“ Bei den 59. National Film Awards in Indien wurde Alms for the Blind Horse 2012 mit den Preisen für die beste Regie, die beste Kamera und den besten Film in Panjabi ausgezeichnet.
Regie: Gurvinder Singh
Biografie: Gurvinder Singh machte seinen Abschluss an der Delhi University
im Jahr 1995 und arbeitete kurz als Werbegrafiker, bevor er einen weiteren Abschluss an der Pune University machte. Danach studierte er Regie am Film- und Fernsehakademie Institut (FTII) Pune. 2002 bis 2006 dokumentierte er die an den Rand gedrängte Volksmusik in Punjab. Er drehte Dokumentarfilme über Kunst, Malerei und das Kochen. Alms for the Blind Horse ist sein Spielfilmdebüt.
Filmografie: Pala (2003), Passage (2004), A Winter Tale (2004), Legs
Above my Feet (2007), An Untitled Film (2008), Alms for the Blind
Horse (2011), The Fourth Direction (2012)
Kamera: Satya Nagpaul
Schnitt: Ujjwal Chanra
mit: Mal Singh, Samuel John, Serbjeet Kaur, Dharminder Kaur
Produzent*in: Mani Kaul
Produktionsfirma: National Film Development Corporation India

Argentinian Lesson
Argetyńska lekcja, Polen 2011, 56 min, Polnisch, Spanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Wojciech Staroń
Internatonales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der 8-jährige Janek zieht mit seinen Eltern von Polen in ein kleines Dorf irgendwo im Norden Argentiniens. Hier wird seine Mutter Polnisch unterrichten. Umgebung, Menschen und Sprache verbinden sich für Janek kaleidoskopartig zu einer völlig neuen Lebenswelt. Liebevoll fängt der Regisseur und Kameramann Wojciech Staroń die ersten Monate seines Sohnes in der neuen Umgebung ein und schafft so mit den Augen eines Kindes eine märchenhafte Annäherung an die neue Heimat. Der Regisseur und Kameramann Staroń ist in Nürnberg kein Unbekannter. Beim Preisträgerfilm des NIHRFF 2011, The Prize, führte er die Kamera und wurde dafür auf der Berlinale 2011 in der Kategorie „herausragende künstlerische Leistung (Kamera)” mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Auch Argentinian Lesson wird von Starońs Kamerastil geprägt. In wunderbar poetischen, sehr dichten Bildern, die er kunstvoll arrangiert, schafft er ein außergewöhnliches Landschafts- und Personenporträt, bei dem sich die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm zeitweise auflösen. Dabei spart Staroń auch die Kehrseiten des argentinischen Landlebens nicht aus: In der Familie seiner 11-jährigen Freundin Marcia lernt Janek bittere Armut kennen. Als Zuschauer*n nimmt man so teil am Alltagsleben zweier Kinder, deren Hoffnungen und Sehnsüchte auch durch die immer wiederkehrenden tropischen Regenfälle nicht zerstört werden. Beim renommierten DOK Leipzig Filmfestival gewann Argentinian Lesson 2011 die silberne Taube. In der Jurybegründung heißt es: „Der Film verschiebt in gekonnter Weise die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarischem. Der Filmemacher führt uns sein hohes künstlerisches Können bezüglich der Bildkomposition und des Rhythmus der erzählerischen Bearbeitung vor Augen. Seine fein gezeichneten Charaktere bleiben uns noch lange nach dem überraschend humorvollen Ende des Films im Gedächtnis.“
Regie: Wojciech Staroń
Biografie: Wojciech Staroń ist Kameramann und Regisseur. Als Absolvent der Filmhochschule Lodz hat er über zwanzig abendfüllende Dokumentationen und Spielfilme gedreht. Staroń ist Mitglied der Europäischen Filmakademie und der Polnischen Gesellschaft von Kameramännern und -frauen (PSC). Sein Dokumentarfilmdebüt feierte er 1998 mit The Siberian Lesson, der unter anderem in Amsterdam (IDFA) und Krakau preisgekrönt wurde. Auf der Berlinale 2011 gewann er den Silbernen Bären für seine Bildgestaltung bei The Prize.
Filmografie: The Siberian Lesson (1998), Plac Zbawiciela (2006), Paradise
(2008), Argentinian Lesson (2011)
Kamera: Wojciech Staroń
Schnitt: Agnieszka Bojanowska, Wojciech Staroń, Zbigniew Osinsk
Produzent*in: Malgorzata Staroń
Produktionsfirma: Staron Film
Weltvertrieb: TVP SA

Aus dem Leben eines Schrottsammlers
Epizoda u životu berača željeza, Bosnien und Herzegowina 2013, 75 min, Bosnisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Danis Tanović
Internatonales Forum / Eröffnungsfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Nazif und seine Frau Senada sind Roma und leben in ärmlichen Verhältnissen am Rande der Stadt Sarajevo. Während Nazif versucht, Geld mit gesammeltem Schrott aus ausgeschlachteten Autos zu verdienen, kümmert sich seine Frau um den Haushalt und die beiden Töchter. Als sie eines Tages starke Schmerzen im Unterleib hat und in der Klinik erfährt, dass ihr ungeborener Sohn tot ist, ist guter Rat teuer: Senada droht eine Blutvergiftung und die dringende Operation ist für die Familie nicht zu bezahlen. Da Senada keine Versicherung hat, will sie das Krankenhaus nicht behandeln. Ein Kampf gegen die Zeit, den Tod und die Hoffnungslosigkeit beginnt … „Er hat etwas Atemloses, dieser Film, und man spürt es schon nach wenigen Minuten: Das ist eine Geschichte, die der Filmemacher rasch erzählen musste. Zu unglaublich, um wahr zu sein. Einen Dokumentarfilm wollte Danis Tanović nicht drehen, das wäre ihm zu versachlicht geworden. Ein Spielfilm sollte es sein, aber keiner der falschen Emotionen. Und so entschied er sich zu etwas Ungewöhnlichem: Er lässt die Geschichte, die sich in seiner bosnischen Heimat ereignet hat, von denen nachspielen, die sie erlebt haben. Einzig die Ärzte, die die Frau abgewiesen haben, waren nicht bereit, ihre Rolle nachzuspielen. Das hätte sie wohl zu sehr daran erinnert, dass Menschlichkeit bei jedem Einzelnen beginnt und nichts Abstraktes ist.“ (Walter Ruggle)
„Kaum zu glauben, wie einfach und unaufhaltsam der Bosnier Danis Tanović den Betrachter hineinzieht in seinen Film An Episode in the Life of an Iron Picker. Auf ganz nüchterne Art ist Tanovićs Film eine große, geradezu widerwillige poetische Parabel, die die Fragen nach dem Wert des Lebens stellt. Es gibt keine Psychologie, kein Pathos, keine Musik. Nur eine beharrlich beobachtende Handkamera.“ (Katja Nicodemus, Die Zeit)
Regie: Danis Tanović
Biografie: Danis Tanović wurde 1969 in Zenica, Jugoslawien, geboren. Nach einem Musikstudium begann er an der Filmakademie in Sarajevo zu studieren, musste sein Studium aber mit Ausbruch des Krieges in Bosnien abbrechen. Während des Krieges begleitete er die bosnische Armee mit der Kamera und ging anschließend nach Brüssel, um dort sein Filmstudium fortzusetzen. Für sein Spielfilmdebüt No Man’s Land erhielt er 2001 die Goldene Palme in Cannes sowie einen Oscar und einen Golden Globe für den besten ausländischen Film. 2013 erhielt er auf der Berlinale für Aus dem Leben eines Müllsammlers den Großen Preis der Jury.
Filmografie: The Portrait of the Artist in War (1994), L’Aube (1996), Budenje (1999), No Man’s Land (2001), L‘Enfer (2005), Triage (2009), Cirkus Columbia (2010), Prtljag (2011), Aus dem Leben eines Müllsammlers (2013)
Kamera: Erol Zubčević
Schnitt: Timur Makarević
Produzent*in: Čedomir Kolar, Amra Bakšić Čamo
Produktionsfirma: SCCA/pro.ba
Weltvertrieb: The Match Factory GmbH
Deutscher Verleih: Drei-freunde Filmverleih

Back to the Square
Norwegen 2012, 83 min, Arabisch mit englischen Untertiteln, Regie: Petr Lom
Internatonales Forum
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„Wir sind den Präsidenten losgeworden – na und? Es hat sich nichts getan.“ So die ernüchternde Zusammenfassung eines jungen Ägypters zur Lage in seinem Land. Er ist einer der jungen Protagonistinnen und Protagonisten, die Petr Lom nach dem Sturz Mubaraks begleitet. Da ist der Pferdehirt, der gegen Demonstranten vorging, ein Busfahrer, der sich weigerte Gefangene zu transportieren, die Frau eines zu Unrecht Angeklagten, eine junge Frau, die als Revolutionärin in ihrem Dorf angefeindet wird, den Bruder eines inhaftierten Bloggers: Anhand ihrer Schicksale betrachtet Lom die Art und die Tragweite der Veränderungen, die mit der Revolution einhergingen. Doch nach der Euphorie des Tahrir-Platzes macht sich zunehmend Ernüchterung breit: Noch immer regieren Militär und Polizei mit großer Willkür, noch immer werden Menschen inhaftiert und gefoltert. Loms beobachtende Dokumentation entwirft ein ruhiges und komplexes Gesellschaftspanorama jenseits der Medienhysterie und zieht ein kritisches Zwischenfazit der Revolution.
Der Regisseur über seinen Film
Wir haben in Ägypten seit Beginn der Revolution im Januar mehr als zehn Monate gefilmt. Ein Jahr später gab es immer noch Proteste. Die Euphorie am Tahrir-Platz und die ägyptische Version der tschechoslowakischen Samtenen Revolution haben zu der nüchternen Erkenntnis geführt, dass Ägypten noch einen längeren Kampf vor sich hat, um sich von den festgefahrenen Machtstrukturen, den alten Eliten, der Korruption und vor allem der weitverbreiteten Missachtung von Menschenrechten zu befreien. Über 12.000 Demonstranten wurden festgenommen und von Militärgerichten verurteilt. Haftstrafen von ein bis vier Jahren wurden in Prozessen verhängt, die oftmals nur eine knappe Stunde dauerten. Es gab keine systematischen Versuche, die Polizei zu reformieren, die für die meisten der 900 Tötungen während der Revolution verantwortlich ist. Viele Ägypter leben immer noch in einer Welt der Angst. Aber der Unterschied zum alten Ägypten ist, dass sie bei Ungerechtigkeit nicht schweigen werden. Unser Film zeigt den Mut, sich in Ägypten nach der Revolution gegen Ungerechtigkeit zu wehren.
Regie: Petr Lom
Biografie: Petr Lom wurde 1968 in Prag geboren und wuchs in Kanada auf. Trotz seines Harvard-Doktortitels in Politischer Philosophie gab er 2003 seine Universitätskarriere auf und wurde Vollzeit-Filmemacher mit dem Schwerpunkt Menschenrechtsfilm. Seinem ersten Film Bride Kidnapping in Kyrgyzstan (2004) folgte 2007 On a Tightrope über die Verfolgung der uighurischen Minderheit in China, der seine Premiere auf dem Sundance Filmfestival feierte. Letters to the President (2009) über das Ahmadinedschad-Regime im Iran lief auf der Berlinale. Alle Filme Petr Loms liefen auf dem NIHRFF. 2011 war er Mitglied der Internationalen Jury des NIHRFF.
Filmografie: Bride Kidnapping in Kyrgyzstan (2004), On a Tightrope (2007), Letters to the President (2009), Back to the Square (2012)
Kamera: Petr Lom
Schnitt: Erik Andersson, Petr Lom
Produzent*in: Torstein Grude
Produktionsfirma: Piraya Films AS
Weltvertrieb: Kudos Family Distribution

Big Boys Gone Bananas!*
Schweden 2011, 88 min, Englisch, Schwedisch mit englischen Untertiteln, Regie: Fredrik Gertten
Internatonales Forum
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Big Boys Gone Bananas!* zeigt den erbitterten „David gegen Goliath“-Kampf zwischen dem schwedischen Filmemacher Fredrik Gertten und dem amerikanischen Großkonzern Dole Food Company. Mit allen Mitteln versucht Dole die Veröffentlichung von Gerttens Dokumentarfilm Bananas!* über die gesundheitsschädigenden Anbaumethoden auf den Bananenplantagen in Nicaragua zu verhindern – aber nicht immer gewinnt der Stärkere. 2009 verklagt Dole Gertten und seine Produktionsfirma WG FILM wegen Rufschädigung und Darstellung falscher Tatsachen in dessen Film Bananas!, kurz bevor dieser seine Premiere auf dem Los Angeles Film Festival feiern soll. Dole-Vizepräsident Michael Carter, der selbst Bananas! nie gesehen hat, setzt alle Hebel in Bewegung, um den unabhängigen Filmemachern mit Hilfe zahlreicher PR-Berater, Journalisten und Rechtsanwälte jeglichen medialen und rechtlichen Handlungsspielraum zu rauben und die Premiere ihres Films zu unterbinden. Hier nimmt der von Gertten selbst produzierte Big Boys Gone Bananas!* seinen Anfang und begleitet in detaillierten Schritten den eigenen Kampf gegen den scheinbar unangreifbaren Machtapparat eines Großkonzerns. Gertten ringt plötzlich und unerwartet nicht nur um das eigene materielle Überleben, sondern auch um Meinungs- und Pressefreiheit überhaupt. Doch der mächtige Konzern hat die Rechnung ohne die Schweden gemacht – als die Einschüchterungsversuche gegen Gertten publik werden, schlägt ein kleines Volk zurück!
Regie: Fredrik Gertten
Biografie: Carl Fredrik Gertten ist schwedischer Filmemacher und Journalist. In den 1980er und 1990er Jahren arbeitete er als Journalist für Zeitungen, Radio- und Fernsehsender in Afrika, Lateinamerika und Europa. Er veröffentlichte Reiseführer und schrieb für die schwedischen Zeitungen Arbetet und Kvällsposten. Außerdem arbeitete er als Produzent für Dokumentationen und Unterhaltungssendungen für unterschiedliche schwedische Fernsehsender.
Filmografie: True Blue (1998), The Poetry General (2002), The Socialist, the Architect, and the Twisted Tower (2005), Bananas!* (2009) Big Boys Gone Bananas!* (2011)
Kamera: Joseph Aguirre, Stefan Berg, Joakim Demmer, David McGuire, Frank Pineda
Schnitt: Benjamin Binderup, Jesper Osmund
Produzent*in: Margarete Jangård
Produktionsfirma: WG Film
Weltvertrieb: Autlook Film Sales

Black Out
Großbritannien 2012, 47 min, Englisch, Französisch mit englischen Untertiteln, Regie: Eva Weber
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Weil es in Guinea kaum irgendwo Elektrizität gibt, pilgern hunderte Schulkinder allabendlich zur Prüfungszeit kilometerweit an öffentliche Orte mit Beleuchtung: Tankstellen, Plätze, etc. um dort für ihre Schulabschlüsse zu pauken. Doch dort drohen Stromausfälle, da das Elektrizitätswerk, einst Hoffnung des Fortschritts, verfällt. Und obwohl die Jugendlichen ihre einzige Chance in guter Schulbildung sehen, garantiert nur der Weg ins Ausland eine sichere Zukunft. Black Out ist ein Meisterwerk. In wunderbar poetischen Bildern und durch einen klugen Schnitt schafft Regisseurin Eva Weber in nur 47 Minuten ein dichtes Netz an Bezügen und Kommentaren. Endlich ein Film über ein afrikanisches Land ohne die üblichen spektakulären Bilder, ohne Bürgerkrieg und Armutspornografie. Behutsam, wunderschön, komplex.
Die Regisseurin über ihren Film
„Philosophisch gesehen bedeutet Leben Hoffnung. Ohne Hoffnung ist es Selbstmord.“ (Socrates, Lehrer in Conakry). Socrates fasst für mich die Stimmung zusammen, die ich mit diesem Film erzeugen wollte. Am Ende fragt man sich, was diesen Kindern die Zukunft bringen wird. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht einen dieser üblichen gefühlsduseligen Film über Kinder in Afrika machen wollte: Keinen Film, in dem wir, als westliches Publikum, am Ende mit einem wohligen Gefühl den Kindern und uns selbst gegenüber das Kino verlassen, keinen Film, der zeigt, dass man mit Fleiß alles erreichen kann. Die Situation in Guinea scheint mir viel ungewisser. Die Kinder im Film sind großartig und ihre Entschlossenheit ihre Situation zu verbessern ist berührend. Aber es wird auch klar, dass die meisten von ihnen dieses Ziel nicht erreichen werden und nicht einmal einen Job bekommen werden. Ohne Beziehungen, ohne Unterstützung der Eltern und genug Geld, um im Ausland studieren zu können, wartet auf sie wahrscheinlich Arbeitslosigkeit, eine Verheiratung oder Billigjobs. Diesen Kindern ist das nur allzu bewusst. Sie wissen, dass ihr Lerneifer am Ende umsonst sein könnte. Black Out ist eine reale und metaphorische Reise ins Licht, ein Film über die Widerstandskraft des menschlichen Geistes und darüber, wie wir allen Widrigkeiten zum Trotz versuchen, unsere Träume zu verwirklichen.
Regie: Eva Weber
Biografie: Eva Weber stammt aus Deutschland, lebt und arbeitet aber in London. Viele ihrer Dokumentar- und Spielfilme sind preisgekrönt. Im Augenblick arbeitet Eva an einer Reihe von Langfilmprojekten, u.a. dem Spielfilm Let the Northern Lights Erase Your Name nach dem gleichnamigen Roman von Vendela Vida. Sie ist Preisträgerin des Sundance Institute Mahindra Global Filmmaking Award und Stipendiatin sowohl des Sundance Institute’s Screenwriters Lab als auch des Sundance Institute’s Director’s Lab.
Filmografie: Stealing Desire (1994), The Intimacy of Stangers (2005,) The Solitary Life of Cranes (2008), Night, Peace (2012), Black Out (2012), Let the Northern Lights Erase Your Name (in development)
Kamera: Mattias Nyberg
Schnitt: Eva Weber, Emiliano Battista
Produzent*in: Claire Neate James, Kat Mansoor
Produktionsfirma: Odd Girl Out Productions
Weltvertrieb: Autlook Film Sales

Blames and Flames
Falgoosh, Iran 2011, 28 min, Persisch mit englischen Untertiteln, Regie: Mohammadreza Farzad
Internatonales Forum Kurzfilm
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Die iranische Film- und Kinokultur ist besonders im Bereich des Erzählkinos eine der reichsten und blühendsten auf der ganzen Welt. Doch immer wieder wurden und werden Filmschaffende verfolgt und ihre Filme dürfen nicht in den Kinos des Landes aufgeführt werden. Kaum bekannt ist, welcher kulturelle Kahlschlag schon am Vorabend der Islamischen Revolution 1978 stattfand. Mehr als 130 Kinos in ganz Iran wurden niedergebrannt, allein 28 von ihnen in Teheran. Vorangegangen waren die großen Streiks, die auch die Kinoindustrie betrafen. Die Diskussionen welche Filme gezeigt, oder in Zukunft überhaupt erst produziert werden sollten, eskalierten in die fundamentalistische Richtung so extrem, das viele Filmschaffende verfolgt oder ermordet wurden und die Kinos niedergebrannten. Die wunderbare reiche iranische Film- und Kinokultur war nicht, wie die Fundamentalisten behaupteten befreit worden, sie war im Mark getroffen. Blames und Flames ist nicht einfach ein Dokumentarfilm. Der Film interagiert auch in seiner experimentellen Art mit der Geschichte: Nachdem die Kinosäle geschlossen oder abgebrannt sind, drehen sich in Blames und Flames die Verhältnisse um: Die Figuren verlassen die Leinwand, die Menschen gehen auf die Straße und versuchen, selbst Regie zu führen. Das Kino sieht dabei zu. (teilweise zitiert aus Forum Expandend)
Regie: Mohammadreza Farzad
Biografie: Mohammadreza Farzad, geboren 1979, lebt und arbeitet in Teheran. Er ist Filmemacher, Übersetzer, Autor, Rechercheur und Schauspieler. Sein Film Gom O Gour (Into Thin Air) wurde nach seiner Premiere bei zahlreichen Festivals gezeigt.
Filmografie: Egg (2012), Into Thin Air (2010), Blames and Flames (2011)

Blau ist eine warme Farbe
La vie d‘Adèle – Chapitre 1 & 2, Frankreich, Belgien, Spanien 2012, 177 min, Englisch, Französisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Abdellatif Kechiche
Previews im Cinecittà
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Die 17-jährige Adèle ist sich kurz vor Schulabschluss nur sicher, dass sie Lehrerin werden will. Alles weitere muss noch verhandelt werden. Nach unglücklichen Episoden lernt sie die selbstbewusste lesbische Künstlerin Emma kennen, die allein schon wegen ihrer blauen Haare auffällt. Es ist zunächst Leidenschaft auf den ersten Blick, aus der sich nach und nach eine große Liebe entwickelt, obwohl die beiden jungen Frauen so überhaupt nicht kompatibel erscheinen. Doch je mehr der Alltag Einzug hält, desto schwieriger wird die Beziehung. Drei Stunden nimmt sich Abdellatif Kechiche (Couscous mit Fisch) Zeit für sein Epos über eine Liebe zwischen zwei sehr unterschiedlichen jungen Frauen und langweilt dabei keine Minute. Fast ausschließlich in Großaufnahmen erzählt, die auf den Gesichtern seiner großartigen Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux ruhen, ist der Film so aufregend und unverbraucht wie junge Liebe selbst, was auch ein paar sehr explizite Sexszenen umfasst. Völlig zu Recht in Cannes gefeiert und mit der Goldenen Palme prämiert. (Blickpunkt:Film)
Der Regisseur über seinen Film
Um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen zu erzählen, muss man mit zwei Schauspielerinnen bis zum Äußersten arbeiten. Als erstes habe ich Léa Seydoux für die Rolle der Emma gefunden. Sie hatte die gleiche Schönheit, Stimme, Intelligenz und Freiheit wie ihre Rolle. Für die zweite Rolle haben wir ein großes Casting organisiert und ich habe Adèle ausgewählt, sobald ich sie gesehen habe. Ich bin mit ihr zum Mittagessen in eine Brasserie gegangen. Sie hat Zitronen-Tarte bestellt und als ich gesehen habe, wie sie isst, dachte ich „Sie ist es!“ Die Art, wie sie ihen Mund bewegt hat, wie sie gekaut hat… Ihr Mund war ein sehr wichtiges Element in diesem Film …
Regie: Abdellatif Kechiche
Biografie: Abdellatif Kechiche wurde 1960 in Tunis geboren und zog 1966 mit seiner Familie nach Frankreich. Er wuchs in Nizza auf und begann dort 1978 als Schauspieler am Theater. 1981 debütierte er als Theater-Regisseur und ging mit mehreren Stücken auf Tournee. Als Filmschauspieler war Kechiche unter anderem in André Téchinés „Die Unschuldigen“ (1987, als Gigolo) und in Nouri Bouzids „Business – Das Geschäft mit der Sehnsucht“ (1992). Voltaire ist schuld, seinen ersten Spielfilm als Regisseur wurde in Venedig als bestes Erstlingswerk ausgezeichnet. Kechiche gehört zu den bedeutenden Vertretern des „Cinéma beur“ (Verballhornung von ‚Araber‘), des zwischen den Kulturen stehenden Kinos der in Frankreich lebenden und aufgewachsenen maghrebinischen Filmemacher, die das Verhältnis von Immigration und kultureller Identität beleuchten.
Filmografie: Voltaire ist schuld (2000), L‘Esquive (2003) Couscous mit Fisch
(2007) Vénus noire (2010) Blau ist eine warme Farbe (2013)
Kamera: Sofian El Fani
Schnitt: Albertine Lastera, Camille Toubkis, Jean-Marie Lengelle
mit: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux
Produzent*in: Abdellatif Kechiche, Vincent Maraval, Brahim Chioua
Produktionsfirma: Wild Bunch, Quat‘sous Films
Weltvertrieb: Wild Bunch
Deutscher Verleih: Alamode Film

Breaking Free
Indien 2013, 90 min, Hindi, Englisch mit englischen Untertiteln, Regie: Sridhar Rangayan
Internationales Forum
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Inhalt
Der preisgekrönte Regisseur Sridhar Rangayan präsentiert exklusiv eine Vorschau auf seinen neuesten Film Breaking Free, der sich mit dem Kampf indischer LGBT-Aktivist_innen gegen die drakonische Anti-Homosexualitäts-Gesetzgebung im indischen Strafrecht befasst. LGBT-Kurzfilme aus dem südasiatischen Raum runden das Programm ab. Über Jahrzehnte wurden v.a. schwule Männer in Indien unter dem berüchtigten Paragraph 377 kriminalisiert, gefoltert und erpresst. Mehr als zehn Jahre dauerte der Kampf gegen dieses Gesetz, das noch aus der britischen Kolonialzeit stammt. In Breaking Free berichten Aktivist_innen von den Auswirkungen des Gesetzes auf ihren Alltag und von ihrem mutigen Kampf dagegen, der schließlich 2009 von Erfolg gekrönt wurde. Sridhar Rangayan ist nicht nur Regisseur (68 Pages, NIHRFF 2007), sondern auch der Gründer des ersten LGBT Filmfestivals in Indien, des Kashish Mumbai International Queer Film Festival, das sich seit seiner Gründung im Jahr 2010 zu einem der wichtigsten Queer Film Festivals im asiatischen Raum entwickelt hat. Eine kleine Auswahl aus der regionalen Sektion des Festivals wird das Programm beschließen.
Regie: Sridhar Rangayan
Biografie: Sridhar Rangayan ist ein indischer Regisseur, der in seinen Filmen sozio-politische Themen mit Wärme, Mitgefühl und Humor paart. Seine Filme stehen an der Spitze der indische Queer Cinema Bewegung – eine Revolution in einem Land, in dem Homosexualität noch immer als sozial inakzeptabel gilt. Rangayan war u.a. bereits Jurymitglied des Outfest in Los Angeles und des Teddy Awards der Berlinale. 2010 gründete Sridhar Rangayan das Kashish Mumbai International Queer Film Festival, das erste LGBTQ Filmfestival Indiens und das Flashpoint Human Rights Film Festival in Mumbai. Sein Film 68 Pages lief 2007 im Rahmen des 5. NIHRFF.
Filmografie: Yeh Hai Chakkad Bakkad Bumbe Bo (2003), Yours Emotionally! (2006), 68 Pages (2007), Breaking Free (2014)
Produktionsfirma: Solaris Pictures

Call Me Kuchu
USA 2012, 90 min, Englisch mit deutschen Untertitel, Regie: Katherine Fairfax Wright, Malika Zouhali-Worrall
Open Eyes
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„100 Pictures Of Ugandan Homos“, titelte 2010 die ugandische Tageszeitung „Rolling Stone“. „Hang Them“, forderte sie unmissverständlich in einer Schlagzeile auf, direkt neben dem Foto von Ugandas bekanntestem offen schwulen Mann: dem Aktivisten David Kato. Wenige Monate später hatten zwei Männer dem Aufruf Folge geleistet und Kato mit einem Hammer erschlagen. Für die US-Dokumentarfilmerinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali- Worrall war David Kato ein entscheidender Interviewpartner für ihren Film Call Me Kuchu, seine Ermordung am Ende der Dreharbeiten ließ alle Befürchtungen Wirklichkeit werden. Die Filmaufnahmen wurden so zu Katos politischem Testament. Call Me Kuchu, bereits auf vielen Festivals ausgezeichnet, darf man getrost jetzt schon als eine der wichtigsten queeren Dokumentationen dieses Jahrzehnts bezeichnen. Im Laufe ihrer intensiven Recherchen haben die beiden Regisseurinnen dramatische und kraftvolle Bilder vom Leben wie vom Kampf der Lesbenund Schwulenszene Ugandas gegen Ausgrenzung und Verfolgung eingefangen, die man so schnell nicht vergessen wird – weder den unglaublichen Mut und die trotzige Lebensfreude der Aktivist_innen noch die Fassungslosigkeit angesichts des Hasses, der ihnen offen entgegenschlägt. (as, Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg)
Regie: Katherine Fairfax Wright
Biografie: Katherine Fairfax Wright wurde 1983 in Massachusetts, USA, geboren. Sie studierte an der Columbia University Film und Anthropologie. Sie hat zahlreiche Filme produziert und ist darüber hinaus eine preisgekrönte Fotografin.
Filmografie: Call me Kuchu (2012)
Regie: Malika Zouhali-Worrall
Biografie: Malika Zouhali-Worrall wurde 1984 in München geboren. Sie studierte in Cambridge und Paris Politik und arbeitet als freie Journalistin unter anderem für die Financial Times. Für CNN produzierte sie Reportagen aus Indien, Uganda und China. Eine Reportage über Arbeitsbedingungen transsexueller Angestellter in den USA war der Auslöser für ihren Debütfilm Call me Kuchu.
Filmografie: Call me Kuchu (2012)
Kamera: Katherine Fairfax Wright
Schnitt: Katherine Fairfax Wright
Produzent*in: Malika Zouhali-Worrall
Produktionsfirma: Malika Zouhali Worrall
Weltvertrieb: CAT & DOCS
Deutscher Verleih: Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.

Can’t Be Silent
Deutschland 2013, 86 min, deutsche Fassung, Regie: Julia Oelkers
Open Eyes
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Musiker aus Afrika, Russland, vom Balkan und aus dem Iran sind seit Mai 2012 gemeinsam mit Heinz Ratz und der Band Strom und Wasser auf Tournee. Das Besondere an dem Projekt: Einige der Musiker sind Asylsuchende in Deutschland. Wir begleiten sie auf ihrer ungewöhnlichen Konzertreise. Jugendliche Rapper treffen auf einen Jazz-Pianisten, ein Reggae- Sänger auf einen deutschen Liedermacher, afrikanische Percussionisten auf eine Beatboxerin mit griechischen Wurzeln. Der Film zeigt den Prozess der Annäherung: Falsche Töne und harmonisches Zusammenspiel, Lampenfieber und Erleichterung, leere Säle und donnernden Applaus. Für einige Bandmitglieder bedeutet die Tour eine Gratwanderung zwischen zwei Extremen. Abends stehen sie auf der Bühne im Rampenlicht, am nächsten Morgen kehren sie zurück in die Isolation des Flüchtlingsalltags. Sie leben mit vielen Menschen auf engem Raum, haben keine Möglichkeit zu üben oder ihr Instrument zu spielen, sind von Abschiebung bedroht und haben traumatische Erfahrungen auf der Flucht gemacht. Ihr Aufenthaltsstatus ist unsicher, die Zukunft mehr als ungewiss. Ihre Unterkünfte liegen oft abgelegen am Rande der Städte und sie dürfen sich nicht ohne Erlaubnis frei innerhalb Deutschlands bewegen. Die Band bietet die Chance, diese Isolation zu durchbrechen. Der Film macht die Lebensbedingungen für Asylbewerber sichtbar ohne die Protagonisten zu Opfern unseres Mitgefühls zu degradieren. Sie bleiben starke Persönlichkeiten, die mit ihrer Musik.
Regie: Julia Oelkers
Biografie: Julia Oelkers arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als freie Journalistin und Dokumentarfilmemacherin für verschiedene Sendeanstalten und Produktionsfirmen. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind zeitgeschichtliche Dokumentation und Portraits.
Filmografie: Westberlin 1968 (2008), Frohsinn, Fernsehen und Faschismus (2010), Geschichten aus Mitte (2011), Es ist auch unsere Geschichte (2011), Can’t Be Silent (2013)
Kamera: Lars Maibaum, Line Kühl, Matthias Neumann, Thomas Walther
Schnitt: Lucian Busse
Produzent*in: Thomas Walther
Produktionsfirma: autofocus Videowerkstatt e.V.
Deutscher Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Constructors
Stroiteli, Kasachstan 2012, 67 min, Russisch mit englischen Untertiteln, Regie: Adilkhan Yerzhanov
Internatonales Forum
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Inhalt
„Zwei Brüder und ihre kleine Schwester werden aus ihrer Wohnung geworfen, da sie die Miete nicht bezahlt haben. Mit ihrer überschaubaren Habe fahren die Waisen aufs Land, dorthin, wo der Familie noch ein kleines Grundstück gehört. Auf sich gestellt kampieren sie dort erst einmal im Freien, doch auch dieses kleine Fleckchen Heimat drohen sie zu verlieren: Unsanft weist man sie darauf hin, dass alle unbebauten Grundstücke in Kürze dem Staat anheimfallen werden. Wenigstens ein Fundament müsse darauf stehen. Also legen sie los: Werkzeug und Baumaterial ‚leihen‘ sie sich in nächtlichen Streifzügen auf benachbarten Baustellen, tagsüber wird geschuftet. Doch kaum stehen die Grundmauern, verkündet der verständnislose Polizist, es gebe eine neue Vorschrift: Nicht nur ein Fundament, sondern schon der Rohbau müsse stehen, sonst werde der Grund enteignet. Weitere Rückschläge lassen nicht lange auf sich warten – doch so schnell geben sich die drei nicht geschlagen! Mit erhabener Ruhe und unendlich lakonischem Humor erzählt der kasachische Regisseur Adilkhan Yerzhanov seine Parabel von Heimat- und Rechtlosigkeit – und vom unbeugsamen Willen, sich gegen alle Widerstände zu stellen und seinen Platz in der Welt zu behaupten.“ (goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films)
Regie: Adilkhan Yerzhanov
Biografie: Adilkhan Yerzhanov wurde 1982 in Zhezkazgan, Kasachstan, geboren. Er studierte an der Nationalen Kunstakademie Kasachstan mit dem Schwerpunkt Regie. Nach Abschluss seines Studiums bekam er von den Kazakhfilm Studios ein Stipendium und ging nach New York, um dort Film zu studieren. Bereits 1999 gewann er den JSC Khabar Wettbewerb für das beste Drehbuch der ersten Animationsserie Kasachstans Kozy-Korpesh und Bayan-Sulu, die 2002 im ganzen Land ausgestrahlt wurden.
Filmografie: Bakhytzhamal (2007), Karatas (2007), Rieltor (2011), Constructors (2013)
Kamera: Adilkhan Yerzhanov
Schnitt: Adilkhan Yerzhanov
Produzent*in: Olga Khlasheva, Serik Abishev
Produktionsfirma: Short Brothers

Denok & Gareng
Indonesien 2012, 89 min, Indonesisch mit englischen Untertiteln, Regie: Dwi Sujanti Nugraheni
Internatonales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Denok und Gareng begegneten sich als Straßenkinder in Yogyakarta. Gemeinsam hatten sie die Hoffnung auf ein neues Leben. Sie heirateten und zogen mit Denoks Tochter Frida zu Garengs Eltern in ein kleines Dorf. Heute kümmern sie sich zusammen mit Garengs Bruder Soesan und deren Mutter um zwei kleinere Brüder und Frida. Mit einer Schweinefarm versucht Gareng den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten – mitten im islamischen Java. So ist es Frida verboten, die Schweinezucht ihres Stiefvaters in der Schule zu erwähnen, denn nicht alle Nachbarn und Freunde haben Verständnis für dieses ‚unreine‘ Unternehmen. Wie Sisyphos plagt sich die junge Familie mit ihrer Schweinezucht und kommt doch auf keinen grünen Zweig. Alkoholprobleme, ein Verkehrsunfall und ein daraus resultierender Krankenhausaufenthalt, das fällige Schulgeld für die Kinder – Geld ist und bleibt knapp und die stete Anspannung wirkt sich auch auf die Familie aus, der es dennoch gelingt, die Liebe füreinander aufrecht zu erhalten und über das lacht, was andere verfluchen würden …
Die Regisseurin über ihren Film
Die ehemalige Sozialarbeiterin Nugraheni kannte ihre Protagonisten seit vielen Jahren. In ihrer sehr persönlichen und warmherzigen Beobachtung kommt sie ganz nah an die Familie heran und deckt immer wieder neue Facetten ihres ungewöhnlichen Lebens auf. „Ich selbst habe viel von Denok und Gareng gelernt, von ihrer Liebe, davon, wie sie die Probleme, mit denen sie ständig konfrontiert sind, akzeptieren und sich ihnen stellen. Aber auch von ihrem Mut, mit dem sie über sich selbst und ihr Leben lachen. Es gibt nicht viele Menschen, die solchen Mut haben. Über sich selbst Lachen zu wagen, das bedeutet mit großer Distanz auf das eigene Leben blicken zu können. Deswegen bewundere ich Denok und Gareng. Ich glaube ihr täglicher Überlebenskampf sollte gesehen werden. Ihr Mut sollte über einen Film geteilt werden, der sie umsichtig und ernsthaft porträtiert. Ich möchte Denok und Gareng ins Zentrum unserer Wahrnehmung rücken, denn ihre Existenz wird kaum beachtet, wenn wir an ihnen vorbei gehen.“
Regie: Dwi Sujanti Nugraheni
Biografie: Dwi Sujanti Nugraheni wurde in Yogyakarta, Indonesien, geboren. Sie studierte Politikwissenschaft an der Gadjah mada Universität und arbeitete für diverse NGOs, bevor sie sich dem Filmemachen zuwandte. Seit 2003 organisiert sie das Jogjakarta Documentary Film Festival und unterstützt Video-Workshops für Heranwachsende und die lokale Gehörlosen-Gemeinde. 2007 arbeitete sie zudem als Volontärin in Appalshop, Kentucky und 2009 bei Women Make Movies, New York City. 2008 beteiligte sie sich am Capacity Building Program „Indonesia – Ten Years After Reformasi“ des Goethe Instituts Indonesien und des Jakarta Arts Council. Im Rahmen des Programms entwickelte sie Denok and Gareng, ihre erste abendfüllende Dokumentation. 2012 nahm sie an der IDFA Summer School teil. Ihr neues Dokumentarfilm-Projekt Our Daily Bread ist in der Postproduktion.
Filmografie: Pengabar Kematian (2002), Micro Economy (2004), Children of Asia (2004), Hobbit in Flores (2006), Janji Jabrik (2007), The Silent Boy (2009), Denok and Gareng (2012)
Kamera: Kurnia Yudha Fitranto
Schnitt: Gregorius Arya Dhipanaya
Produzent*in: Dwi Sujanti Nugraheni
Produktionsfirma: Jawa Dwipa Films/credo:film GmbH
Weltvertrieb: credo:international

Deserteur!
Glorious Deserter, Österreich 2012, 80 min, deutsche Fassung, Regie: Gabriele Neudecker
Open Eyes
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„Sie sind immer noch ein Tabuthema. Fast 65 Jahre mussten vergehen, bis Österreich 2009 die NS-Urteile endlich aufhob und die Wehrmachtsdeserteure rehabilitierte. Der Film spielt im Jahr 1946/47: Hungerwinter im Salzburger Land. Gezeichnet von traumatischen Kriegserlebnissen und konfrontiert mit gesellschaftlicher Ausgrenzung weihen uns vier junge Deserteure – der Koch, der Bauer, der Ministrant und der Schweinemeister – in die Gründe ihrer Fahnenflucht ein. Durch ihre gelungene Gratwanderung zwischen Spielfilm und Dokumentation eröffnet Gabriele Neudecker berührende Einblicke auf die vergessenen Opfer des Nationalsozialismus und ihre Ausgrenzung nach dem Krieg.“ (Ludwig Sporrer, DokFest München 2013) Gedreht wurde in Salzburg und Oberösterreich mit vier jungen Salzburger Laiendarstellern aus der kleinen Gemeinde Köstendorf in den Hauptrollen. Der auf wahren Schicksalen und vielen Interviews mit Zeitzeugen basierende Film greift ein letztes österreichisches Tabu-Thema auf. Erst 2009 wurden Deserteure in Österreich offiziell rehabilitiert! „Das Ergebnis ist seltsam entrückt, assoziativ und poetisch. Nie wird Archivmaterial verwendet – Regisseurin Gabriele Neudecker hält durchgehend an einer offensiv pseudodokumentarischen Machart fest. Als wäre ein Kamerateam aus dem 21. Jahrhundert in das Jahr 1946 gereist um diese vier Männer zu portraitieren. Der Film behauptet nie ‚real‘ zu sein – aber er wirkt so. Und das ist eine große Leistung.“ Ralph Glander, Bayrischer Rundfunk
Regie: Gabriele Neudecker
Biografie: Gabriele Neudecker, die Photographie und Film in Salzburg und Berlin studierte, dreht politische Filme an den Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation. Sie ist die Kunstdirektorin der Drehbuchwerkstatt Salzburg in Österreich. 2011 gründete sie die Filmproduktionsfirma Pimp the Pony Productions. Neudecker arbeitet als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. Sie verwirklichte Spielfilme und Dokumentationen, und nahm an zahlreichen internationalen Filmfestivals teil. Ihr Kurzfilm Freaky ist einer der sieben meistprämierten österreichischen Filme seit 2001.
Filmografie: Freaky (2001), Graffiti Underground (2006), White Girls Happy on Zambesi (2009), Really Hard to be a Good Masai (2010), Glorious Deserter (2012)
Kamera: Stefan Aglassinger, Gabriele Neudecker
Schnitt: Gabriele Neudecker
mit: Alexander Kortoletzky, Markus Klampfer, Peter Neudecker jr
Produzent*in: Gabriele Neudecker
Produktionsfirma: Pimp the Pony Productions, Drehbuchwerkstatt

Einspruch VI
Objection VI, Schweiz 2011, 17 min, deutsche Fassung, Regie: Rolando Colla
Internationales Forum Kurzfilm
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2010 wurde in der Schweiz das Wort „Ausschaffung“ zum Wort des Jahres gekürt. Es bedeutet die Vollstreckung der Ausreisepflicht einer Person aus der Schweiz. Im Ausschaffungs-Prozess können verschiedenen Methoden bzw. Level angewendet werden: Level 4 zum Beispiel ist eine brutale Fesselungsmethode, bei der Hände und Beine an einen Rollstuhl gebunden werden und der Abschiebehäftling einen Helm aufsetzen muss. Der Kurzspielfilm des Schweizers Rolando Colla erzählt die letzten Tage des illegal eingewanderten Nigerianers Joseph Ndukaku Chiakwa vor seiner Ausschaffung. Ganz aus der subjektiven Perspektive der Hauptfigur gedreht, durchlebt und erleidet das Publikum mit ihm ein bürokratisches Verfahren, das letztlich in dem Scheitern des erschütternden Versuchs endet, einen Menschen mit Helm und Fesseln zu bändigen und in ein Flugzeug zu bringen. Der Nigerianer Joseph Ndukaku Chiakwa starb am 17.3.2010, dem Tag seiner Abschiebung, an Level 4.
Regie: Rolando Colla
Biografie: Rolando Colla wurde 1957 in Schaffhausen in der Schweiz geboren. Er besitzt die schweizerische und italienische Staatsbürgerschaft und lebt und arbeitet seit 1978 in Zürich als Drehbuchautor, Schauspieler und Produktionsleiter. 1984 gründete er die Peacock Film AG. Seit 2002 ist er Dozent an der EICT (Escuela Internacional de Cine y Television), San Antonio de los Baños, Havanna, Kuba. Er erhielt den Schweizer Filmpreis Quartz 2012 in den Kategorien Bester Spielfilm und Bestes Drehbuch für Summer Games.
Filmografie: Jagdzeit (1997), Einspruch I (1999), Einspruch II (2000), Einspruch III (2001), Einspruch IV (2004), Operazione Stradivari (2004), Einspruch V (2007), Summer Games (2011), Das bessere Leben ist anderswo (2012), Einspruch VI (2012)
Kamera: Jutta Tränkle
Schnitt: Rolando Colla
mit: Abel Jafri, Catriona Guggenbühl, Linda Olsansky
Produzent*in: Elena Pedrazzoli
Produktionsfirma: Peacock Film

Empire of Dust
Belgien 2011, 81 min, Chinesisch, Französisch, Swahili mit englischen Untertiteln, Regie: Bram Van Paesschen
Internationales Forum
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Eine Sonderform des Culture Clash: Chinesische Arbeitsmoral trifft auf kongolesische Lebensart. In der Provinz Katanga will eine chinesische Firma ein riesiges Straßenerneuerungsprojekt umsetzen – und dazu bringt sie ihre eigenen Arbeitskräfte mit. Doch was, wenn der kongolesische LKW-Fahrer nicht pünktlich auftaucht, der Wagen nicht ordnungsgemäß mit Kies gefüllt wird und auch sonst nichts nach chinesischem Plan läuft? Mit äußerster Disziplin versuchen die chinesischen Ingenieure dieser entspannten Arbeitshaltung der Einheimischen entgegenzuwirken. In dem nahe der Provinzstadt Kolwezi errichteten Camp – die unterschiedlich komfortablen Unterkünfte für chinesische und afrikanische Angestellte lassen die Machtverhältnisse und die Kluft zwischen den Kulturen deutlich werden – ergeben sich teils wahnwitzige Situationen. So thematisiert Empire of Dust den offenen Rassismus nicht über eine Kommentierung von außen, sondern durch sensible, unaufgeregte Beobachtung und eine detailgenaue Kamera. Regelmäßige Kommentare eines Radiomoderators, der anfänglich die Chinesen noch als Freunde bezeichnet hat, analysieren hingegen das Nebeneinander der beiden Welten ironisch-unterhaltsam und spiegeln den unaufhaltsamen Aufstieg Chinas wider. Und mittendrin und doch zwischen allen Stühlen befindet sich Eddy, der kongolesische Dolmetscher, der qua seiner Funktion Übersetzungen liefern soll, doch stattdessen lieber seine Landsleute in der Landessprache vor der chinesischen Verhandlungstaktik warnt – eine echte Schelmenfigur, ein echter Bram Van Paesschen-Held wir wir ihn schon aus Pale Peko Bantu (Wettbewerb NIHRFF 2009) kennen!
Regie: Bram Van Paesschen
Biografie: Bram Van Paesschen wurde 1979 in Vilvoorde, Belgien, geboren. Er lebt und arbeitet als Regisseur und Cutter in Brüssel. 2002 erhielt er seinen Master in Audiovisueller Kunst an der St. Lukas Academy in Brüssel. Sein Pale Peko Bantu Mambo Ayikosake lief 2009 im Internationalen Wettbewerb des NIHRFF.
Filmografie: Smokescreen covering Brussels (2002), World of Blue, Land of O. (2005), ICI (Lettre à Chantal Akerman) (2007), Pale Peko Bantu Mambo Ayikosake (2008), Empire of Dust (2011)
Kamera: Emmanuel Gras
Schnitt: Bram Van Paesschen, Dieter Diependaele
Produzent*in: Bart Van Langendonck
Produktionsfirma: Savage Film
Weltvertrieb: CAT & DOCS

Die Entscheiderin
Deutschland 2013, 10 min, deutsche Fassung, Regie: Robert H. Schumann
Internationales Forum Kurzfilm
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Asylfragen sind aus dem Fokus der Tagespolitik und der Öffentlichkeit geraten, seit durch Gesetzesnivellierungen auf europäischer Ebene die Bewerberzahlen in Deutschland stark zurückgegangen sind. Stillschweigend verlassen wir uns auf ein verwaltungstechnisches und später unter Umständen juristisches Verfahren, das den Status der Asylbewerber klären soll. Dieses Verfahren suggeriert gleichzeitig ein gerechtes und möglichst objektives Verfahren. Die Verantwortung für das erste Verfahren, das ein Verwaltungsverfahren und noch kein Gerichtsverfahren ist, zur Anerkennung oder Ablehnung eines Asylantrags liegt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Sogenannte Einzelentscheider befragen die Flüchtlinge in einer sogenannten Anhörung. Als Asylgründe wird nur die individuelle, von staatlicher Seite zu verantwortende politische Verfolgung anerkannt. Den Nachweis dafür können nur sehr wenige Flüchtlinge nachweisen. Für die übergroße Mehrzahl der Flüchtlinge, die aus Hunger, Elend und Perspektivlosigkeit ihre Heimat verlassen haben, bleiben höchstens ein anerkannter Flüchtlingsstatus nach der Genfer Konvention, Abschiebeschutz oder eben die Ablehnung mit der letzten Konsequenz der Abschiebung. Gerda Wittstatt lebte bis zu ihrem Tod in einem Nürnberger Pflegeheim und hat bis zu ihrem altersbedingten Ausscheiden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 19 Jahre als Anhöhrerin und Entscheiderin gearbeitet. Erstmals sprach sie über ihre Erfahrungen im Umgang mit Flüchtlingen, die regelmäßige Konfrontation mit Misshandlungen und Folter und die Schwierigkeit einer Gewissensentscheidung.
Regie: Robert H. Schumann
Biografie: Robert H. Schumann wurde 1969 in Hirschau/Oberpfalz geboren. 1998 schloss er das Studium der Chemie an der FAU Erlangen- Nürnberg und dem ESPCI Paris ab. Seit 1998 arbeitet er als Redakteur und Cutter für die Medienwerkstatt Nürnberg. Schumann ist Autor zahlreicher Beiträge für die Sendereihen Bildstörung und Medienwerkstatt Dokumentation.
Filmografie: Auswahl: Ich gegen Deutschland (2006), Telecafé International (2009), Die Entscheiderin (2013)

E-Wasteland
Australien 2012, 20 min, ohne Dialog, Regie: David Fedele
Internationales Forum Kurzfilm
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E-Wasteland führt uns auf die größte Elektroschrott-Deponie Afrikas, in die Agbogbloshie Slums der ghanaischen Hauptstadt Accra. Pro Jahr gelangen mindestens 20.000 Tonnen Schrott aus den westlichen Industrieländern ins Land. Mangelnde Bildung und geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt zwingen viele der Ghanaer dazu, sich ihren Lebensunterhalt durch das Recyceln des Elektroschrotts zu verdienen. Arbeitsschutzmaßnahmen gibt es auf der Deponie nicht, Kinder schon. Nahezu 50 Millionen Tonnen Elektroschrott werden jährlich weltweit produziert. Dieser Elektroschrott muss in der EU eigentlich fachmännisch entsorgt und recycelt werden. Das ist teuer. Günstiger wird es, wenn der Schrott, offiziell als Gebrauchtgeräte deklariert, nach Ghana exportiert wird. Ruhig beobachtend und ohne Dialog präsentiert uns David Fedeles Kurzfilm ein schockierendes Porträt des unkontrollierten und ungebremsten Elektro-Konsums unserer Wegwerfgesellschaft und dessen Folgen.
Regie: David Fedele
Biografie: David Fedele ist ein preisgekrönter Dokumentarfilmemacher aus Australien. Er betrat die Welt des Dokumentarfilmes durch die Liebe zum Erforschen und Bereisen verschiedener Kulturen, reiste durch ganz Australasien, Europa, den mittleren Osten, Südamerika und Afrika. Seine Filme behandeln ein breites Themenspektrum, von der Abholzung in Neu Guinea bis zu Elektroschrott in Ghana. Er interessiert sich für kulturelle, ökologische und humanitäre Themen, sowie für soziale Gerechtigkeit. Er arbeitet hauptsächlich als Ein-Mann-Filmcrew: Er führt Regie, produziert, fotografiert und schneidet seine eigenen Filme.
Filmografie: Caterina (2010), Second Chance (2010), West Papuan Refugees (2011), Reflections on a Genocide (2011), Bikpela Bagarap – Big Damage (2011), E-Wasteland (2012)

Exposed by Beth B
USA 2013, 78 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Beth B
Internationales Forum
Inhalt und Infos
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Nacktsein auf hohem Niveau! In der faszinierenden Neo-Burlesque- Szene New Yorks haben sehr unterschiedliche Menschen einen Ort gefunden, um sich künstlerisch und politisch auszudrücken – jenseits gesellschaftlicher Normen. Die Underground-Künstlerin Beth B gibt Einblick in die New Yorker Neo-Burlesque-Szene. Hier wird der klassische Striptease neu gestaltet: Gängige Geschlechterklischees werden auf humorvolle, hintersinnige und teilweise schockierende Weise hinterfragt. Es geht um nichts weniger als die Selbstbemächtigung des Körpers zwischen weiblich und männlich, verkrüppelt und „intakt“, alt und jung, schön und anders schön. In einer Mischung aus exklusivem Archivmaterial von Live-Performances und intimen Backstage-Interviews entsteht eine Welt, in der die Lust am Zurschaustellen des (nicht perfekten) Körpers, sexuelle Diversität und das Überschreiten jeglicher Grenzen gefeiert und der Geschlechternormativität der Kampf angesagt wird. Erfrischend, unterhaltsam, politisch. Sarah Schaschek nennt Exposed in der Zeit einen „brillanten Dokumentarfilm“. Sie schreibt: „Die New Yorkerin hat ihre Studie über Burlesque-Tänzer ‚with practically no money‘ gemacht. Herausgekommen ist ein buntes, manchmal schmerzhaftes Spektakel über Körper, die in ihrer Entblößung gegen jede Norm verstoßen. ‚Im Vulgären liegt Freiheit‘, sagt eine Protagonistin. So viel American Dream muss gestattet sein.“ Simon Born schrieb in Negativ: „Liebevoll porträtiert die Regisseurin die enge Gemeinschaft der misfits, queers und freaks, die im Burlesque mit leidenschaftlicher Stimme ihre eigenen Vorstellungen von Sexualität, Körper und Identität artikulieren. Eindrücke in ihre zum Teil verstörenden Auftritte wechseln sich ab mit intimen Gesprächen, in denen die Künstler den Zuschauer an ihren Gedanken, Gefühlen und Hoffnungen teilhaben lassen. Sinnlich, politisch, abstoßend, lustig, augenöffnend: Exposed ist die Entdeckung der Panorama-Sektion und mein persönliches Juwel der diesjährigen Berlinale.“
Regie: Beth B
Biografie: Geboren 1955 in New York, USA. In den Siebzigerjahren begann sie Super-8-Filme zu drehen. Ihre in der Regel multimedialen Arbeiten beschäftigen sich häufig mit Körperwahrnehmung und Geschlecht. Ihre Filme Vortext und Salvation! wurden in den Achtzigerjahren im Forum der Berlinale gezeigt, Visiting Desire war 1997 Teil des Panorama-Programms. Darüber hinaus wurden ihre Arbeiten unter anderem im MoMA, in Sundance und in Toronto gezeigt.
Filmografie: Auswahl: G-Man (1978), Vortex (1983), Visiting Desire (1996), Hysteria (2001), Exposed (2013)
Kamera: Dan Karlok, Beth B
Schnitt: Beth B, Keith Reamer
Produzent*in: Beth B, Sandra Schulberg
Produktionsfirma: B Productions, Inc., Schulberg Productions
Weltvertrieb: Wide House

Facing Mirrors
Aynehaye Rooberoo, Iran 2011, 102 min, Persisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Negar Azarbayjani
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Iran. Eine Landstraße irgendwo in der Provinz Teheran. Während einer Taxifahrt treffen sie aufeinander: Adineh, die transgender ist und sich selbst Edi nennt, und Rana, strenggläubige Muslima, die ihren Sohn alleine erzieht, da ihr Mann eine Gefängnisstrafe absitzt. Edi soll mit seinem Cousin verheiratet werden und wartet ungeduldig auf die Ausstellung seines Passes, um unbemerkt ausreisen zu können. Auf der Flucht vor seiner wohlhabenden Familie begegnet er Rana. Diese fährt heimlich Taxi, um die Schulden ihres Mannes zu begleichen und nimmt Edi mit. Während ihrer Tour, die eher einem Road Trip gleicht als einer gewöhnlichen Taxifahrt, freunden sich die beiden trotz großer Gegensätzlichkeit langsam an. Edis Reise ins Ungewisse, die im letzten Moment vor der Zwangsheirat gelingt, bringt ihn schließlich nach Nürnberg. Hier endet auch Nezar Azarbayjanis mutiges Spielfilmdebüt, der die Unvereinbarkeit zwischen islamischer Kultur und Transgender offen thematisiert. Facing Mirrors schafft es vom ersten Moment an zu fesseln und nähert sich mit grandiosen Schauspieler_innen einem sensiblen Thema. Die Lesbisch-Schwulen Filmtage Karlsruhe schreiben dazu: „Über alle Vorurteile hinweg überschreiten die Frauen in diesem Film in mehr als einem Sinne die Grenzen des gesellschaftlich und religiös vorgegebenen Frauenbildes. Ein moderner, temporeicher Film, der die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse im Iran mit ungewöhnlichem Mut beleuchtet. Und nicht zuletzt eine Charakterstudie zweier Menschen auf der Suche nach ihrem wahren Selbst, die mit beeindruckender Willensstärke ihren eigenen Weg gehen.“
Regie: Negar Azarbayjani
Biografie: Negar Azarbayjani (*1974) studierte Film an der Kunsthochschule in Teheran, Iran. Sie besitzt außerdem einen MA-Titel des Emerson College Boston in Visueller Medienkunst. Sie begann ihre Filmkarriere als Darstellerin in Fernsehserien und als Cutterin. Im Jahr 2000 reiste sie in die USA, um ihr Studium fortzusetzen. Während dieser Zeit schrieb und übersetzte sie Drehbücher. Sowohl in den USA als auch im Iran drehte sie mehrere Kurz- und Animationsfilme. Ihr Kurzfilm Virtual Truth gewann den Critics Special Award beim Tehran Film Festival 2007. Facing Mirrors ist ihr erster abendfüllender Spielfilm.
Filmografie: Facing Mirrors (2011)
Kamera: Tooraj Mansoori
Schnitt: Sepideh Abdolvahab, Negar Azarbayjani
mit: Shayesteh Irani, Qazal Shakeri, Homayoun Ershadi
Produzent*in: Fereshteh Taerpour
Produktionsfirma: Fereshteh Taerpour
Weltvertrieb: The Film Collaborative

Fidaï
Frankreich, China, Algerien, Deutschland, Kuwait 2012, 83 min, Arabisch, Französisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Damien Ounouri
Internationaler Wettbewerb
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„Auch wenn ich mich nicht erinnern will, ist der Krieg ein nie enden wollender Terror. In der Seele, in der Welt.“ Mit diesen Worten wirft uns dieser elegante und wunderschön fotografierte Film in die Geschichte seines Protagonisten: El Hadi, Großonkel des Filmemachers, hatte sich während des algerischen Befreiungskrieges dem bewaffneten Kampf der Unabhängigkeitsbewegung FLN angeschlossen und war an mehreren Attentaten auf Angehörige der konkurrierenden Befreiungsbewegung MNA auf französischem Boden beteiligt. Minutiös rekonstruiert Regisseur Damien Ounouri die Taten und die Gefühle des Täters, seines Onkels. Die Kamera und die Re- Inszenierung dieser Taten für die Kamera sind dabei essentielle Bestandteile der Erinnerungsarbeit: Schicht um Schicht legen sie längst Verdrängtes frei; Szene um Szene wird Erinnerung präzisiert, nur um im nächsten Moment wieder revidiert zu werden. Entstanden ist dabei ein zugleich wuchtiger wie intim-persönlicher Film, der über die eigene Familiengeschichte ganz grundlegenden Themen widmet: Was ist Wahrheit? Wie funktioniert Erinnerung? Unter welchen Bedingungen ist postkoloniale Freiheit überhaupt möglich? Wolfgang Hamdorf schreibt im Filmdienst: „Fidaï ist eine gelungene Gratwanderung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Der Film lebt insbesondere von der sympathischen, stillen, mitunter fast gebrochenen Hauptfigur, dem bescheidenen, warmherzigen alten Herren, der erst gar nicht an die heroischen Ikonen des bewaffneten Kampfes der 1960er-Jahre denken lässt, aber ebenso wenig an die Dimension der persönlichen Schuld durch Mord und Verrat.“
Regie: Damien Ounouri
Biografie: Damien Ounouri wurde 1982 in Clermont-Ferrand, Frankreich, als Sohn eines Algeriers und einer Französin geboren. Er studierte Filmtheorie an der Sorbonne und entwickelte parallel seine Filmpraxis mit der unabhängigen Filmgruppe Li Hua Films. Er hat bei mehreren Kurz- und Dokumentarfilmen Regie geführt. Sein Dokumentarfilm Xiao Jia Going Home (2008), portraitiert den chinesischen Regisseur Jia Zhang-Ke (Still Life (2006), I Wish I Knew (2010)) und wurde auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. Damien Ounouri unterrichtet Kino-Workshops für Kinder und Jugendliche in Algerien und Frankreich.
Filmografie: ChangPing, Sonata of a Chinese Small Town (2007), Xiao Jia Going Home (2008), Away from Nedjma (2009), Fidaï (2012)
Kamera: Matthieu Laclau
Schnitt: Matthieu Laclau, Mary Stephen
mit: Shayesteh Irani, Qazal Shakeri, Homayoun Ershadi
Produzent*in: Mathieu Mullier, Alexandre Singer, Jia
Produktionsfirma: Kafard Films, mec film, Xstream Pictures, Linked Productions
Weltvertrieb: Kafard Films
Deutscher Verleih: mec film

Fire Under the Ashes
Iran 2013, 11 min, Arabisch, Persisch mit englischen Untertiteln, Regie: Arash Setoodeh
Internationales Forum Kurzfilm
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Inhalt
Die iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 aus der Sicht einer Handykamera, verflochten mit einer aufkeimenden Liebesgeschichte, die zutiefst von der sozialen und politischen Situation im Iran bestimmt wird.
Regie: Arash Setoodeh
Biografie: Arash Setoodeh stammt aus dem Iran und arbeitete dort als Produktionsleiter für eine Reihe von Produktionen, u.a. Fatima Abdollahyans Sundance-Hit Kick in Iran. Vor kurzem zog er nach Dänemark und studiert nun Film.
Filmografie: Kick in Iran (as production manager, 2009),
Mellem Hjem (as production assistant,
2013), Fire Under the Ashes (2013)

Fortress
Pevnost – Fortress, Tschechische Republik 2012, 70 min, Russisch mit englischen Untertiteln, Regie: Klára Tasovská, Lukáš Kokeš
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Transnistrien: Ein geographisches Gebiet, das an die Ukraine und an Moldawien angrenzt. Kein Staat und doch von Grenzen umgeben, keine Demokratie und doch steht mal wieder der Wahlkampf vor der Tür. Lukáš Kokeš und Klára Tasovská richten in ihrem kunstvollen Dokumentarfilm Fortress ihre Kamera wie ein Mikroskop auf einen Landstrich, dessen Bevölkerung mehrere Pässe benötigt, um reisen zu dürfen. Transnistrien ist zugleich multinationaler Staat und sowjetische Utopie: von keinem Staat anerkannt außer von Russland. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2011 kommen die Filmemacher Lukáš Kokeš und Klára Tasovská in ein Land, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Sie finden ein Regime vor, das mit einer grotesken Staatspropaganda und einem riesigen Sicherheitsapparat die ständige Überwachung der Menschen und Diskriminierung regierungskritischer Bürger propagiert: Auf jeden einzelnen Bürger kommt ein Polizist – „deswegen ist Transnistrien ein paradiesischer Ort und deswegen kann hier jeder so gut schlafen“, sagt ein Staatsdiener. „Our Country, our Pride“ steht in roten Lettern auf einer Steinplatte, die direkt an einer spärlich befahrenen Straße prangt. Viele Menschen hier fühlen sich gut aufgehoben und sicher vor der großen weiten Welt da draußen. Sie bezeichnen das bestehende politische System als „modified democracy”, ein wirkliches Bewusstsein der staatlichen Kontrolle, der sie ausgesetzt sind, haben sie allerdings nicht. Meinungs- und Versammlungsfreiheit scheinen Fremdwörter zu sein. Mit großem Gespür für die feinen Zwischentöne blicken Kokeš und Tasovská, die größtenteils illegal drehen mussten, wie mit einem Brennglas auf eine unbekannte Region und geben einen faszinierenden und zugleich irritierenden Einblick in die Zustände Transnistriens, an dessen Existenz man kaum glauben mag.
Regie: Klára Tasovská
Biografie: Klára Tasovská wurde am 14. März 1980 in Třebíč, Tschechien, geboren und machte ihren Hochschulabschluss im Fachgebiet New Media der AVU in Prag. Momentan studiert sie in der Fachabteilung Dokumentation an der FAMU in Prag. Nebenbei wirkt sie an Internetprojekten, wie artycok.tv, edata-base.net und k-r-o-n-i-ka. net, mit.
Filmografie: Baníček (2006), A Scrap (2007), Tree (2007), Reconstruction (2007), HaCan (2008), Memory recall (2008), Fortress (2012)
Regie: Lukáš Kokeš
Biografie: Lukáš Kokeš, geboren am 28. August 1983 in České Budějovice, Tschechien, organisierte während seines Studiums ein Filmfestival in Ostbevern in Deutschland. Er ist Student der Filmwissenschaft an der Karls-Universität, sowie an der Fachabteilung Dokumentation an der FAMU in Prag. Er gewann einen Special Jury Award des Jihlava IDFFs 2008 für seinen Film Redemption Attempt of a TV Repairman Josef Lávička in Nine Scenes. Zudem gewann er den Special Audience Award bei Famufest 2009. Darüber hinaus schreibt er für das Filmmagazin Cinepur.
Filmografie: Safety Grounds (2007), Irene (2007), Mittweidekabarett (2008), Redemption Attempt of a TV Repairman Josef Lávička in Nine Scenes (2008), Joy (2009), 59/184/84 (2009), Fortress (2012)
Kamera: Lukáš Kokeš
Schnitt: Lukáš Kokeš, Klára Tasovská
Produzent*in: Tomáš Hrubý, Pavla Kubečková
Produktionsfirma: nutprodukce, FAMU – Film and TV School of the Academy of Performing Arts in Prague
Weltvertrieb: Taskovski Films

God Loves Uganda
USA 2013, 83 min, Englisch, Swahili mit deutschen Untertiteln, Regie: Roger Ross Williams
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
God Loves Uganda untersucht die Rolle der US-amerikanischen evangelikalen Bewegung in Uganda, wo Missionare aus den USA gefährlichen religiösen Fanatismus propagieren. Der Film folgt ihren Führern in Amerika und Uganda sowie Politikern und Missionar_ innen, wie sie ganz unverblümt versuchen, Ugander_innen zum fundamentalistischen Christentum zu bekehren, indem sie vor allem einen Kreuzzug gegen Homosexualität führen. Unter diesem Einfluss gewinnt ein Gesetzesentwurf breite Unterstützung, dessen Umsetzung Homosexualität mit dem Tode bestrafen würde. Dies führt zu immer größeren Spannungen in Uganda und schafft eine Atmosphäre mörderischen Hasses gegen Lesben, Schwule und Transgender im Land. Der Film zeigt ugandische Minister und US-amerikanische Evangelikale zwischen Glauben und Gier, Ekstase und Egoismus, die einer ‚Theologie‘ Vorschub leisten, die Uganda als Testfall und als ultimatives Schlachtfeld im Kampf um Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Seelen sieht. Regisseur Roger Ross Williams präsentiert uns die andere, die amerikanische Seite der beängstigenden Homophobie, die in Uganda, wie in vielen weiteren Staaten Afrikas wie Nigeria, Kamerun oder Kenia um sich greift: Denn was sich als Rückbesinnung auf afrikanische Wurzeln verkauft, wonach Homosexualität ‚unafrikanisch‘ und eine Erfindung des Westens sei, ist in Wirklichkeit ein ideologischer Feldzug US-amerikanischer evangelikaler Fundamentalisten. Konsequent fokussiert Williams daher auf die amerikanischen Missionare und ihre Vordenker und weniger auf die ugandischen Aktivisten, die im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben kämpfen. Einem der radikalsten Evangelikalen im Film, Scott Lively, wird übrigens gerade auf US-amerikanischem Boden der Prozess wegen „Verbrechen gegen die Menschheit“ gemacht. Geklagt hatte SMUG, eine Zusammenschluss ugandischer LGBT-Aktivist_innen!
Regie: Roger Ross Williams
Biografie: Roger Ross Williams drehte und produzierte den 2010 mit einem Oscar für den Besten Dokumentar-Kurzfilm Music By Prudence. Er war damit der erste Afro-Amerikaner, der einen Oscar für Regie und Produktion eines Films erhielt. Williams hat bereits unzählige Preise für seine Arbeit gewonnen und unzählige Programme für große Fernsehsender in den USA gedreht und produziert. Im Augenblick arbeitet er an mehreren neuen Projekten, u.a. einen Spielfilm über die afro-amerikanische baptistische Kirche mit dem Titel Black Sheep.
Filmografie: God Loves Uganda (2013)
Kamera: Derek Wiesehahn
Schnitt: Richard Hankin, Benjamin Gray
Produzent*in: Julie Goldman, Roger Ross Williams
Produktionsfirma: Motto Pictures
Weltvertrieb: Submarine Entertainment

Golden Slumbers
Le sommeil d‘or, Frankreich, Kambodscha 2011, 96 min, Französisch, Khmer mit englischen Untertiteln, Regie: Davy Chou
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Golden Slumbers berührt ein Kapitel, das bislang kaum bekannt war: Vor dem Terror-Regime der roten Khmer in den 1970er Jahren gab es in Kambodscha eine blühende lebendige Kinokultur. Die Eltern des Regisseurs flohen vor Pol Pot und seinen Mördern nach Paris, wo er 1983 geboren wurde. Sie erzählten ihm oft von seinem Großvater, der einer der größten Filmproduzenten während des Goldenen Zeitalters des kambodschanischen Kinos war. 2008 reist Davy Chou nach Phnom Penh um zu retten, was von den rund 400 zwischen 1960 und 1975 produzierten Filmen noch zu retten war. Doch der Kahlschlag, den die roten Khmer begangen hatten, war gründlich: Kinos waren geschlossen worden, Filme zerstört, Filmschaffende exiliert oder ermordet. Chou findet beinahe nichts, ein paar Bilder, Musikkassetten und eine Handvoll überlebender Zeugen, doch eben genau diese lassen die verlorene Zeit wieder aufleben. Die Erzähler waren einst Produzent_innen, Filmemacher_innen, Schauspieler_innen und haben die Erinnerung an die üppige Epoche so leidenschaftlich bewahrt, dass im Zuschauer bald eigene Filme entstehen. Chou findet auch Statisten, von denen einige noch heute in den verlassenen Studios wohnen. Eine ehemalige Filmdiva, Dy Saveth, lädt ein in eine Art Pantheon, der allen Schauspieler_innen, Filmemacher_ innen und Produzent_innen gewidmet ist, die sie gekannt hat. „Gegen das Vergessen“, sagt sie mit bewegter Stimme. Einige Filmliebhaber konnten trotz allem Ausschnitte aufstöbern, die sie nun auf Youtube veröffentlichen. Es sind banale Liebesgeschichten, begleitet von süßer Musik, von der man erfährt, dass sie heute in Karaoke- Lokalen in Phnom Penh durchschlagenden Erfolg feiern, Lokale, die sich in den früheren Kinosälen eingenistet haben. Golden Slumbers ist eine warmherzige Liebeserklärung an die Magie des Kinos und den Film.
Regie: Davy Chou
Biografie: Der franko-kambodschanischer Filmemacher Davy Chou wurde 1983 geboren. Sein erster Kurzfilm stammt aus dem Jahr 2006, sein zweiter Kurzfilm Expired, entstand auf seiner ersten Kambodscha- Reise 2008. Als Enkel von Van Chann, einem der wichtigsten Filmproduzenten in den Sechzigerjahren, kuratiert er im Oktober 2009 Golden Reawakening, eine Festivalausstellung rund um das Goldene Zeitalter des kambodschanischen Kinos in den Sechzigerund Siebzigerjahren. Er ist auch der führende Kopf von Kon Khmer Koun Khmer, eines Kollekivfilms von Student_innen und jungen kambodschanischen Künstler_innen. Golden Slumbers, sein erster Dokumentarfilm, lief im Forum der Berlinale. Davy Chou entwickelt derzeit das Drehbuch zu seinem ersten Spielfilm Eternal Feelings.
Filmografie: Davy Chou’s First Film (2006), Expired (2008), Golden Slumbers
(2011)
Kamera: Thomas Favel
Schnitt: Laurent Leveneur
Produzent*in: Jacky Goldberg
Produktionsfirma: Vicky Films
Weltvertrieb: Doc & Film International

Grandmothers
Abuelas, Großbritannien 2011, 9 min, Englisch, Regie: Afarin Eghbal
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Eine filmische Liebeserklärung an die „Mütter der Plaza de Mayo“, die während der argentinischen Militärdiktatur ihre Kinder verloren und ohnmächtig dem Raub ihrer Enkel zusehen mussten. In einer kleinen Wohnung in Buenos Aires erwartet eine Frau sehnsüchtig die Geburt ihres ersten Enkelkindes. Doch die Tochter wird von der Militärjunta verhaftet und verschwindet. Erst 30 Jahre später wird die Großmutter ihre Enkelin wiederfinden und in den Armen halten können. Aus einem Geflecht von unterschiedlichen Animationstechniken, Schauspiel, historischen Fotografien und Off-Erzählung webt Afarin Eghbal eine ungewöhnlich poetische Geschichte von Verlust und Sehnsucht, die ebenso verspielt wie tiefgründig ist. Ein Meisterwerk!
Regie: Afarin Eghbal
Biografie: Afarin Eghbal wurde im Iran geboren und zog als Kleinkind nach der islamischen Revolution nach London. Grandmothers ist ihr Abschlussfilm an der National Film and Television School. Sie hofft auch in Zukunft die Kluft zwischen Dokumentar- und Animationsfilm mit ihrem Medienmix schließen zu können und so auf unpolemische Weise komplexe soziale und politische Themen transportieren zu können.
Filmografie: Grandmothers (2011)
Kamera: Claire Buxton
Schnitt: Katherine Lee
mit: Geraldine McEwan (narrator), Joy McBrinn, Alexia James
Produzent*in: Kasia Malipan

Das große Heft
A nagy füzet, Ungarn, Deutschland, Frankreich, Österreich 2012, 112 min, deutsche Fassung, Regie: János Szász
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Das große Heft ist die preisgekrönte Adaption des gleichnamigen Romans der Schweizer Autorin mit ungarischen Wurzeln Àgota Kristóf. Erschreckend und faszinierend zugleich wird hier die Geschichte von Zwillingsbrüdern erzählt, die als macht- und schutzlose Kinder in Zeiten des Krieges lernen müssen, zu überleben: Indem sie Grausamkeit mit Grausamkeit vergelten und Verrat mit dem Tod bestrafen. Im großen Heft legen sie die Regeln ihres Überlebenskampfes nieder. Der Zweite Weltkrieg in einem Land im Osten Europas: Zwillingsbrüder werden von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Dorf gebracht. Die Großmutter entpuppt sich als egozentrisch, verschroben, gefühlskalt und dem Alkohol nicht abgeneigt. Für notdürftige Kost und Unterkunft lässt sie die beiden hart arbeiten. Auf sich allein gestellt, lernen sie schnell, was das Leben in einer vom Krieg geprägten Welt von ihnen fordert: Sich abhärten, Hunger, Kälte, Schmerz und jedes andere Gefühl überwinden. Der Film ist die erschütternde und faszinierende Erzählung von zwei Kindern, die viel zu früh gezwungen sind erwachsen zu werden und die das auf einzigartige und zugleich irritierende Weise schaffen. Als dem Kameramann Christian Berger Àgota Kristófs Roman in die Hände fiel, verschlang er es in einem Zug. „Was mich wirklich berührte, war die zu jeder Zeit und immer vorhandene Gefahr der Barbarei und der drohende Verlust jeglichen Empfindungsvermögens.“ Regisseur János Szász ist nicht anders. Christian Berger: „ Er entstammt einer ungarischen, jüdischen Familie, der schreckliche Dinge widerfahren sind. Er hat sich mit einer unheimlichen Wut auf diesen Stoff gestürzt. Ich hab bei ihm so etwas wie einen gerechten Zorn gespürt, der ihn angetrieben hat.“ So erzählt Das große Heft eine Geschichte vom Zurechtkommen in der Welt, mit einer Intensität, über die nur das Leben selbst verfügt.
Regie: János Szász
Biografie: János Szász, geboren am 14. März 1958, ist ein ungarischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Theaterdirektor. Seit 1983 drehte er elf Filme. Sein Film Witman fiúk wurde 1997 in der Un Certain Regard Sektion des Filmfestivals von Cannes gezeigt. Sein Film Opium: Diary of a Madwoman wurde beim 29. Internationalen Moskauer Filmfestival gezeigt. Szász war der Direktor des American Repertory Theater Instituts und dort Fakultätsmitglied von 2001 bis 2003. Er führte bei vielen Theaterproduktionen Regie.
Filmografie: Temetés (1998), A Holocaust szemei (2000), Opium: Diary of a Madwoman (2007), Das große Heft (2013)
Kamera: Christian Berger
Schnitt: Szilvia Ruszev
mit: Ulrich Matthes, Ulrich Thomsen, András Gyémánt , László Gyémánt
Produzent*in: Pál Sándor, Sándor Söth
Produktionsfirma: Intuit Pictures, AMOUR FOU Vienna, Dolce Vita Films, Hunnia Filmstúdió
Weltvertrieb: Beta Cinema
Deutscher Verleih: Piffl Medien

Gut Renovation
USA 2012, 81 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Su Friedrich
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Erfrischend wütend und persönlich dokumentiert Su Friedrich, die Grande Dame der feministischen Filmavantgarde, die Gentrifizierung ihres New Yorker Stadtteils. Dabei kämpft sie als Filmemacherin mit allen Mitteln: Kino als Widerstand! 1989 mietete und renovierte Su Friedrich mit Freundinnen eine alte Industrieetage in Williamsburg, einem bescheidenen Brooklyner Arbeiterviertel. 2005 wurde das ehemalige Industriegebiet als reines Wohngebiet ausgewiesen. Die produzierenden Betriebe, Handwerker und Künstlerlofts wurden von Bauspekulanten verdrängt. Über fünf Jahre dokumentierte Friedrich den Wandel in der Gegend mit ihrer Kamera: Sie zeigt den Abriss der Industriebauten und die Errichtung der schicken Eigentumswohnungen für eine wohlhabende Klientel, den Abschied der alten und den Einzug der neuen Bewohner. Auch ihr Mietvertrag läuft aus – und so werden ihre dokumentarische Kamera und ihr beißender Kommentar zu Werkzeugen ihrer wachsenden Wut. Dunja Bialas schreibt auf Artechock: „Su Friedrich ist eine begnadete Dokumentarfilmerin, was sich in ihrem wachen Beobachtungssinn zeigt. Mit anschwellender Wut und großem Humor erzählt Friedrich vom Beobachtungsposten ihres Fensters von den Umbrüchen. Das Zusammentreffen mit ihrer poshigen Nachbarschaft wird ihr zum Anlass zu sarkastischen Bemerkungen über designte Hunde, die das Viertel jetzt optisch bestimmen und über die Trutzburgen, hinter die sich die neuangekommenen Banker & Co. zum Wohnen zurückziehen. Höhepunkt des Films ist der Fund eines riesigen Felsbrockens, der die Abrissarbeiten im Grundstück gegenüber über Monate blockiert, weil die Bauarbeiter dem schweren Bunken einfach nicht beikönnen. Er wird zum letzten Symbol des Widerstands gegen die Gentrifizierung: als er abtransportiert wird, lässt Friedrich einen jazzigen Gospel erklingen. Das Sterben des Viertels ist nun Tatsache.“
Regie: Su Friedrich
Biografie: Geboren 1954 in New Haven, Connecticut. Die Tochter einer in Deutschland geborenen Mutter studierte Kunst und Kunstgeschichte in Chicago und am Oberlin College, Ohio. Ihre Dokumentarfilme wurden auf internationalen Festivals mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Das MoMA und das Centre Pompidou nahmen ihre Arbeiten in ihre Sammlungen auf. Sie lebt in New York und unterrichtet an der Princeton University.
Filmografie: Auswahl: Hot Water (1978), Damned If You Don’t (1987), Lesbian
Avengers Eat Fire, Too (1994), Hide and Seek (1996), The Odds of
Recovery (2002), Gut Renovation (2012)
Kamera: Su Friedrich
Schnitt: Su Friedrich
Produzent*in: Su Friedrich
Produktionsfirma: Su Friedrich
Weltvertrieb: Outcast Films

Home
Dom tsah, Russland 2012, 26 min, tschetschenisches Russisch mit englischen Untertiteln, Regie: Ruslan Magomadov
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Auf realen Ereignissen basierend, erzählt Home die Geschichte eines alten Mannes, der während des Tschetschenienkrieges im zerstörten Grosny zurückbleibt. Er ist allein und kann nirgendwo hin. Sein Haus ist alles, was ihm bleibt. Tagsüber repariert er unbeirrt sein Haus mit Utensilien, die er in den benachbarten Ruinen findet. Nachts versteckt er sich vor Angriffen und Plünderungen des Militärs in seinem Keller. Am nächsten Tag steigt der Mann die Treppen wieder hoch, um erneut die nächtlichen Zerstörungen an seinem Haus zu beseitigen. Die Kamera begleitet ihn auf der Suche nach Holz, Wasser und Gas und lässt dabei den Zuschauer die Einsamkeit der Gegend und des Mannes fühlen. In ebenso poetischen wie alltäglichen Bildern erzählt der Film vom Überleben im Krieg, aber auch von der Hoffnung auf eine Zukunft.
Regie: Ruslan Magomadov
Biografie: Ruslan Magomadov ist Tschetschene. Er wurde 1983 in Swerdlowsk in der UdSSR geboren. 1991 zogen seine Familie und er in die alte Heimat nach Grozny, Tschetschenien. Nur knapp überlebten er und seine Familie den ersten Tschetschenienkrieg 1994. Ihre Stadt wurde ebenso zerstört wie ihr Haus. Magomadov studierte von 2002 bis 2006 an der Akademie der Feinen Künste. Von 2006 bis 2010 arbeitete er für die Filmkompanie SNEGA. Dort arbeitete er an unterschiedlichen Spielfilmprojekten mit und schrieb das Drehbuch für den Dokumentarfilm Notes of Treasure Hunter. 2009 förderte das Ministerium für Kultur der Russischen Föderation seinen ersten Kurzfilm Dust for Sailor. Seit 2011 studiert er in Moskau am Higher Courses of Scriptwriters and Film Directors Institut.
Filmografie: Notes of Treasure Hunter (2007), Dust for Sailor (2009), Home (2012)
mit: Evgenyi Martinov

Im Namen des …
W imię …, Polen 2012, 96 min, Polnisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Małgośka Szumowska
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Pater Adam übernimmt eine kleine Gemeinde in der polnischen Provinz. Überaus engagiert baut er ein Gemeindezentrum für schwer erziehbare Jungs auf. Angezogen von der Vitalität und dem Charisma des Priesters suchen die Einwohner seine Nähe, ohne zu ahnen, welche Geheimnisse ihn umgeben. Durch die Begegnung mit einem exzentrischen jungen Mann, der im Ort als Außenseiter gilt, sieht sich Pater Adam mit seinen unterdrückten Sehnsüchten konfrontiert. Bald schon schöpfen die Dorfbewohner Verdacht und nehmen Kontakt zu Adams Kirchenvorgesetzten auf … In poetischen Bildern einer trügerischen sommerlichen Dorfidylle erzählt Małgorzata Szumowska das Gewissensdrama eines katholischen Priesters, der verzweifelt gegen seine Gefühle ankämpft. Im Namen des … lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale und wurde dort mit dem Teddy für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Außerdem erhielt der Film den Großen Preis des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln und den Hauptpreis des 10. Neiße-Filmfestivals. In der Begründung des Teddy-Jury hieß es: „Malgoska Szumowskas Film Im Namen des … aus der Sektion Wettbewerb der Berlinale beweist wie man mit beeindruckend starken Bildern und einer zutiefst bewegenden, persönlichen Geschichte dem Vorurteil begegnen kann, dass Homosexualität und Religion unvereinbar wären. […] Mit ihrem bildgewaltigen, mit Symbolen aus der Passionsgeschichte aufgeladenen Film Im Namen des … wagt sich Malgoska Szumowskas an das weitgehend tabuisierte Thema der Homosexualität unter Priestern. Ein Film über die Verwirrung der Gefühle, Verdrängung und Einsamkeit – und die Möglichkeit, vielleicht doch zu sich selbst zu finden.“
Regie: Małgośka Szumowska
Biografie: Geboren 1973 in Krakau, Polen. Die Absolventin der Filmhochschule Łódź drehte zunächst Kurzfilme und Dokumentationen. 2000 präsentierte sie mit Happy Man ihren Debütfilm. Für 33 Scenes From Life erhielt sie 2008 in Locarno den Pardo d’argento.
Filmografie: Happy Man (2000), 33 Scenes From Life (2008), Elles (2011), Im Namen des … (2012)
Kamera: Michał Englert
Schnitt: Jacek Drosio
mit: Andrzej Chyra, Mateusz Kosciukiewicz, Łukasz Simlat
Produzent*in: Małgośka Szumowska
Produktionsfirma: Mental Disorder 4
Weltvertrieb: Memento Films International
Deutscher Verleih: Constantin Film

El Impenetrable
Frankreich, Argentinien 2012, 91 min, Spanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Daniele Incalcaterra, Fausta Quattrini
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Sehr unterhaltsame und spannende Doku über einen Filmemacher, der versucht, geerbtes Land im paraguayischen Chaco den Indios, die dort leben, zu übertragen. Als das nicht klappt, will er mit allen Mitteln ein Naturschutzgebiet daraus machen. Dabei kämpft er gegen kriminelle Großgrundbesitzer, Korruption und die Hinterlassenschaften der Stoessner-Diktatur. Die Kamera begleitet ihn bei seinem Kampf gegen Windmühlen, der – das darf man schon verraten – positiv ausgeht. Um eine Art Spuk geht es in diesem Film, wenn auch um einen, in dem die Gespenster in der handfesten Gestalt von Bürokraten und Großgrundbesitzern auftreten. Der Filmemacher Danièl Incalcaterra und sein Bruder besitzen ein Stück Land im Chaco, einem Trockenwaldgebiet, das sich über Paraguay, Argentinien und Bolivien erstreckt. Ihr Vater hatte es 1983 in ihrem Namen gekauft. Ihr Plan ist es, ein Reservat daraus zu machen – gegen die allgegenwärtige Viehwirtschaft, den Sojaanbau und die Ölförderung, deren ökologische und soziale Konsequenzen fatal sind. Doch das ist komplizierter als gedacht. Zunächst gelingt es Incalcaterra nicht einmal, zu seinem Grundstück zu gelangen, denn die übrigen Landbesitzer sperren die Straßen ab. So sieht man am Anfang von El Impenetrable vor allem diesem Mann Ende 50 zu, wie er am Steuer seines Wagens sitzt, ausgerüstet mit einem GPS und einer Karte, bemüht, der Absurdität der Situation stoisch zu begegnen. Mal trifft er sich mit Anwälten und mit Mitgliedern von NGOs, mal sitzt er verloren auf einer Terrasse im Nirgendwo und skypt mit seinem Bruder. Von den früher undurchdringlichen Wäldern des Chacos ist heute nicht mehr viel übrig. Die Bürokratie, die Allmacht der Großgrundbesitzer und die Korruption bilden dagegen ein so dichtes Gestrüpp, dass man viel Gleichmut, List und Schlauheit braucht, um sich hier einen Weg zu bahnen.
Regie: Daniele Incalcaterra
Biografie: Daniele Incalcaterra legte 1984 in Frankreich seine erste Regiearbeit La Memoire Blue (1985) vor. Er trat den Ateliers Varan bei, arbeitete in unterschiedlichen Ateliers in Bogota, Marseille, Lissabon, Paris und Palermo. 1991 gründete er die Produktionsfirma Voleur mit Philippe Grandrieux und produzierte Tierra de Avellaneda (1992) und Souviens-toi de moi by Zaida Gorab (1992). 1999 gründete er Incalcaterra Producciones. Insgesamt drehte er bisher zwölf Filme.
Filmografie: Tierra di Avellaneda (1992), Repubblica Nostra (1995), Fasinpat (2004), Contr@site (2004), El Impenetrable (2012)
Regie: Fausta Quattrini
Biografie: Fausta Quattrini wurde 1964 in Locarno geboren. Sie studierte zeitgenössischen Tanz und erhielt ein Diplom in Architektur der ETH (Swiss Federal Institute of Technology) in Zürich. Sie ist zudem Mitbegründerin des Ateliers Video in Palermo. Seit 1997 arbeitet sie als autodidaktische Dokumentarfilmmacherin.enetrable (2012)
Filmografie: Mandala 999 – Autorretrato 3 (2002), Organizaciones horizontales (2004), Contr@site (2004), La Nación Mapuce (2008), El Impenetrable (2012)
Kamera: Daniele Incalcaterra, Fausta Quattrini, Cobi Migliora
Produktionsfirma: Les Films D‘ici
Weltvertrieb: Daniele Incalcaterra

Jenseits der Hügel
După dealuri, Rumänien, Frankreich, Belgien 2012, 150 min, Rumänisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Cristian Mungiu
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Alina und Voichita kennen und lieben sich seit Kindertagen. Als Voichita in ein orthodoxes Nonnen-Kloster in Rumänien eintritt, dessen Alltag hauptsächlich durch Strenge und Verzicht geprägt ist, will Alina sie zu sich nach Deutschland holen. Doch mit Alinas Ankunft im Kloster begegnen sich zwei Welten, deren Zusammentreffen in die Katastrophe führt. Alina und Voichita wuchsen gemeinsam in einem rumänischen Waisenhaus auf. In diesen schweren Zeiten waren sie einander der einzige Halt und schworen sich ewige Liebe. Alina ist mittlerweile zum Arbeiten nach Deutschland gegangen, während Voichita der kleinen Klostergemeinde Jenseits des Hügels beigetreten ist, um ihre neue Liebe zu Gott zu leben. Alina will jedoch um Voichita kämpfen. So kehrt sie nach Rumänien zurück, um sie mit nach Deutschland zu nehmen. Cristian Mungius auf geringste Bewegungen reduzierte Kameraführung, der fast vollständige Verzicht auf Musik, sowie die Arbeit mit natürlichem Licht, unterstreichen die Trostlosigkeit des Ortes. Denn das Kloster ist nur scheinbar ein sicherer Hafen. Am Ende steht ein gescheiterter Exorzismus. Eine Frau ist tot, auch wenn die Nonnen alles versuchten, sie zu retten. Der Fall einer 24-jährigen Frau, die 2005 in Rumänien an den Folgen eines Exorzismus starb, diente Cristian Mungiu als Grundlage für seinen Film. Doch während die Presse damals ungehemmt Schuld zuwies, verzichtet der Regisseur absichtlich auf jegliche moralische Bewertung. Jede Szene besteht aus einer einzigen Einstellung. Mungiu verzichtet auf eine enggeführte Blicksteuerung, so dass die Zuschauer sich die Details selbst aussuchen und zusammenreimen können. „Es ist nicht die Aufgabe des Kinos, Realität nachzustellen“, sagt er. Vielmehr verfolgt er mit seiner Arbeit einen ganz anderen Zweck: „Ich möchte niemandem meine Perspektive aufdrängen. Ich versuche Geschichten ins Zentrum zu rücken, die Leute dazu ermutigen sollen, über wichtige Themen nachzudenken, über die sie sich zuvor nie Gedanken gemacht hatten. Das sollte eines der Ziele des Kinos sein.“
Regie: Cristian Mungiu
Biografie: Cristian Mungiu, geboren 1968 in Iaşi, ist ein rumänischer Filmemacher und Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2007. Nachdem er Englische Literatur an der Universität von Iaşi studiert hatte, arbeitete er einige Jahre als Lehrer und Journalist. Danach schrieb er sich an der Universität für Film in Bukarest ein, um Filmregie zu studieren. Nach seinem Abschluss 1998 drehte Mungiu mehrere Kurzfilme. 2002 debütierte er mit seinem ersten Film in Spielfilmlänge, Okzident. Sein Cannes-Gewinner 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (NIHRFF 2007) wurde weltweit gefeiert.
Filmografie: Zapping (2000), Nici o întâmplare (2000), Okzident (2002), 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007), Beyond the Hills (2012)
Kamera: Oleg Mutu
Schnitt: Mircea Olteanu
mit: Cosmina Stratan, Cristina Flutur, Valeriu Andriuta, Dana Tapalaga
Produzent*in: Cristian Mungiu
Produktionsfirma: Mobra Films, Why Not Prod., Les Films du Fleuve
Weltvertrieb: Wild Bunch
Deutscher Verleih: Wild Bunch Germany

Journey to Portugal
Viagem a Portugal, Portugal 2012, 75 min, Französisch, Portugiesisch, Englisch mit englischen Untertiteln, Regie: Sérgio Tréfaut
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Silvester. Die ukrainische Ärztin Maria möchte den Jahreswechsel mit ihrem nach Lissabon ausgewanderten Ehemann verbringen. Von allen Menschen an Bord des Flugzeugs wird sie als einzige von der Einwanderungsbehörde festgehalten. Der Prostitution verdächtigt, glaubt ihr die resolute Zollbeamtin nicht, dass sie nur Ihren Mann besuchen will. Als ihr senegalesischer Mann Grego am Flughafen ankommt, um Maria zu helfen, verschärft sich die Lage drastisch. Als Reiseeindrücke bleiben Maria unzählige Anhörungen in fremder Sprache, eine Silvesternacht in der Flughafenzelle und eine Umarmung ihres Ehemannes unter Beobachtung. Im Stil eines Protokolls – unerbittlich strukturiert durch die eingeblendete Zeit – beobachtet der dialogisch aufgebaute Schwarzweiß- Spielfilm den ungleichen Kampf der beiden Protagonist_innen. Die Szenen wiederholen sich, die Kamera folgt mal der emotionslosen Grenzschutzbeamtin, mal Maria oder Grego. So entlarvt Regisseur Sérgio Tréfaut die Machtverhältnisse und den bürokratisierten Rassismus, er zeigt Marias Ausgeliefertsein und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem Behördenapparat. Sérgio Tréfauts Film basiert auf einer wahren Begebenheit und zeigt mit welch inhumanen Mitteln die EU an Flughäfen ihre Abschottung betreibt. In Portugal, wie auch in der gesamten EU, ist die Anzahl der Abschiebungen an den Flughäfen enorm hoch. Die Zivilgesellschaft in Portugal hat wenig Möglichkeit Einblicke in die Ermittlungsmethoden der Polizei zu gewinnen. Rechtsanwälten, Hilfsorganisationen und Journalisten bleibt der Zugang zu den von der Polizei kontrollierten Bereichen eines portugiesischen Flughafens verwehrt. Bei seiner Weltpremiere beim Filmfestival IndieLisboa 2011 wurde Journey to Portugal von einem Dossier zur politischen Einordnung begleitet, das Statistiken über Abschiebung von Ausländern in Portugal enthielt.
Regie: Sérgio Tréfaut
Biografie: Sérgio Tréfaut wurde 1965 als Sohn eines Portugiesen und einer Französin in Brasilien geboren. Nach seinem Master in Philosophie an der Sorbonne Universität begann er seine Karriere in Lissabon als Journalist und Regieassistent, bevor er Produzent und Regisseur wurde. Seine Dokumentationen wurden in mehr als 30 Ländern gezeigt und erhielten diverse internationale Preise. Viele Jahre lang koordinierte er das Doclisboa International Film Festival und war Präsident von Apordoc (Portuguese Documentary Association). Journey to Portugal ist sein erster Spielfilm.
Filmografie: Outro País (1999), Fleurette (2002), Lisboetas (2005), The City of the Dead (2009), Journey to Portugal (2012)
Kamera: Edgar Moura
Schnitt: Sérgio Tréfaut, Gonçalo Soares, Pedro Marques, Mariana Gaivão
mit: Maria de Medeiros, Isabel Ruth, Makena Diop
Produzent*in: Sérgio Tréfaut, Filipe Verde
Produktionsfirma: FAUX

Justice for Sale
Niederlande 2011, 83 min, Französisch, Swahili, Lingala mit englischen Untertiteln, Regie: Femke van Velzen, Ilse van Velzen
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Film begleitet die mutige junge Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Claudine Tsongo bei ihrem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Korruption in der kongolesischen Justiz. Sie untersucht den Fall des Soldaten Masamba, der wegen Vergewaltigung zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt wurde und stößt dabei auf einen Justizskandal, der bis heute ohne Folgen blieb. „Dieses Justizsystem hat seinen Sinn verloren. Ich frage mich, was die Zukunft für unsere Kinder bringen wird.“ Resigniert blickt Claudine Tsongo auf das Rechtssystem ihres Landes. Im dritten Teil ihrer dokumentarischen Kongo-Trilogie begleiten Ilse und Femke Van Velzen die Anwältin auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit. Dabei sind es neben korrupten Richtern vor allem engagierte NGOs die für eine problematische Schieflage im kongolesischen Rechtssystem sorgen. Mit viel Geld unterstützen sie Opfer sexueller Gewalt bei Gerichtsverfahren; den Angeklagten fehlen diese Mittel jedoch, so dass ein faires Verfahren kaum mehr möglich ist. Für den zu Unrecht verurteilten Mosamba eine Katastrophe …
Die Regisseurinnen über ihren Film
Justice for Sale erzählt eine exemplarische Geschichte systematischen Unrechts, die an die Öffentlichkeit gebracht werden muss. Offiziell wird die Demokratische Republik Kongo als Land im Wiederaufbau bezeichnet. Um diesen Aufbau zu gewährleisten, bedarf es eines funktionierenden Rechtssystems, das die wirklichen Täter verurteilt. Solang diese Grundlage nicht geschaffen ist, werden weiterhin unschuldige Menschen zu Opfern und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. In den letzten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit der internationalen und lokalen NGOs verstärkt auf das Thema der sexualisierten Gewalt gerichtet. Eine Folge davon ist, dass Vergewaltigung zu einem Geschäft geworden ist: Die Anschuldigung sexualisierte Gewalt verübt zu haben, wird zur Waffe im Kampf um persönliche und finanzielle Vorteile. Daneben soll mit der angeblich konsequenten Verfolgung von Vergewaltigern der internationalen Gemeinschaft gezeigt werden, dass es Fortschritte in der Verfolgung und Verurteilung der Täter gibt. In diesem Zusammenhang stellt der Film auch die Frage, inwieweit die finanzielle Unterstützung des kongolesischen Rechtssystems durch die internationale Gemeinschaft einer Gerechtigkeit für den Höchstbietenden Vorschub leistet. Der Film thematisiert diese bisher noch kaum wahrgenommene erschreckende Entwicklung, um eine dringend notwendige Debatte darüber in Gang zu setzen.
Regie: Femke van Velzen, Ilse van Velzen
Biografie: Die eineiigen Zwillinge Ilse und Femke van Velzen wurden am 11. Oktober 1980 in Delft, Niederlande, geboren. Seit 2002 hat sich das Duo auf das Drehen von Dokumentationen in Entwicklungsländern mit seiner Produktionsfirma IFProductions spezialisiert. Die beiden produzieren und führen nicht nur bei ihren eigenen Dokumentationen Regie, sondern sie betreiben auch noch eigene Nachforschungen, schreiben Filmmanuskripte und verleihen ihre Filme selbst.
Filmografie: BushKids (2002), Return to Angola (2004), Fighting the Silence (2007), Weapon of War (2009), Justice for Sale (2011)
Kamera: Rogier Timmermans
Schnitt: Paul de Heer
Produzent*in: Femke van Velzen, Ilse van Velzen
Produktionsfirma: IF Productions
Weltvertrieb: FILMS TRANSIT

Kiss Me Softly
Kus me zachtjes, Belgien 2012, 16 min, Flämisch mit englischen Untertiteln, Regie: Anthony Schatteman
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Jasper ist 17 und lebt in einem kleinen grauen Kaff; sein Vater verdingt sich als Schlagersänger – um ihn dreht sich das Familienleben. Wie soll sich inmitten dieses spießigen Miefs ein schwuler Junge normal entwickeln und wie mit dem homophoben Vater fertig werden? Anthony Schattemans sympathischer Kurzspielfilm präsentiert eine ganz eigene Lösung …
Regie: Anthony Schatteman
Biografie: Anthony Schatteman lebt und arbeitet in Belgien.
Filmografie: Kiss Me Softly (2012)
mit: Marijke Pinoy, Marc Van Eeghem, Ezra Fieremans

Die langen hellen Tage
Grzeli nateli dgeebi, Georgien, Deutschland, Frankreich 2013, 102 min, Georgisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
Inhalt
„Tbilissi im Jahre 1992. Die Sowjetzeit ist vorüber, Georgien ist auf sich selbst gestellt, in der Provinz Abchasien herrscht Bürgerkrieg. Für Natia und Eka, die erst 14-jährigen Heldinnen von In Bloom, geht die Kindheit zu Ende. Eka wächst ohne ihren Vater auf, sie rebelliert gegen die besorgte Mutter und die ältere Schwester. Bei Natia terrorisiert der cholerische, trunksüchtige Vater die Familie. Frieden finden die beiden Freundinnen aber auch draußen nicht, in der Schule, auf der Straße, in der Schlange vor der Brotausgabe. Chaos, Unsicherheit, Zukunftsangst regieren den Alltag. Ein Verehrer schenkt Natia eine Pistole mit einem einzigen Schuss Munition. Wenig später wird Natia von einem anderen Verehrer entführt. Virtuos nimmt der erste Spielfilm von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß die verschütteten Traditionen des georgischen Kinos wieder auf, verwebt Laut und Leise, Melancholie und Lieblosigkeit, Gewaltausbrüche und Idylle, frühreife Kaltblütigkeit und kindliche Naivität zu einer wunderbar rhythmischen, aufregenden filmischen Komposition. In Georgien ist eine neue Generation von Filmemachern erwacht, und sie beginnt damit, sich der eigenen Geschichte zu erinnern.“ (Christoph Terhechte, Berlinale Forum 2013)
Die Regisseur*innen über ihren Film
Unsere Figuren sind auf der Suche nach ihrer weiblichen Identität, nach dem Sinn von Gewalt, Rache und Liebe. Sie suchen eine Antwort auf die Frage, ob die Liebe die Tötung eines Menschen rechtfertigen kann. Die Antwort scheint klar: Nein, natürlich nicht! Aber wie ist es, wenn man im Leben unmittelbar vor dieser Frage steht, nur 14 Jahre Lebenserfahrung hat und in einem Land lebt, in dem Chaos, Anarchie und Selbstjustiz herrschen? Welche Vorbilder hat man dann? Mit welchen Wertvorstellungen hat man die besten Überlebenschancen? Vielleicht können wir alle uns ein wenig in diesen beiden Mädchen erkennen.
Regie: Nana Ekvtimishvili
Biografie: Nana Ekvtimishvili wurde 1978 in Tbilissi, Georgien, geboren. Sie studierte Drama und Drehbuch an der Filmhochschule Potsdam- Babelsberg. Nachdem sie Prosa und verschiedene Drehbücher schrieb, führte sie 2011 Regie bei dem Kurzfilm Waiting for Mum. 2012 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Polare Film zusammen mit Simon Groß in Georgien.
Filmografie: Lost Mainland (2007), Waiting for Mum (2011), Die langen hellen Tage (2013)
Regie: Simon Groß
Biografie: Simon Groß wurde 1976 in Berlin, Deutschland, geboren. Er studierte Filmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Nachdem er bei mehreren Kurzfilmen Regie führte, drehte er 2006 seinen Debütfilm Fata Morgana, für den er den Förderpreis Deutscher Film für die beste Regie auf dem Filmfest München erhielt. Er gründete seine eigenen Produktionsfirmen Indiz Film zusammen mit Marc Wächter in Deutschland und Polare Film zusammen mit Nana Ekvtimishvili in Georgien.
Filmografie: Fall of Man (1998), Elated by Night (2001), Fata Morgana (2007), Die langen hellen Tage (2013)
Kamera: Oleg Mutu
Schnitt: Stefan Stabenow
mit: Lika Babluani, Mariam Bokeria, Zurab Gogaladze
Produzent*in: Simon Groß, Mark Wächter, Guillaume de Seille, Nana Ekvtimishvili
Produktionsfirma: Indiz Film, Polare Film, Azizona Films
Weltvertrieb: Memento Films International

Liberace
Behind the Candelabra, USA 2013, 118 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Steven Soderbergh
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Mitreißendes Biopic über den exaltierten amerikanischen Entertainer Liberace und seine mehrjährige obsessive Beziehung zu seinem jugendlichen Liebhaber Scott Thorson. Der 20-jährige Tierpfleger Scott Thorson ist fasziniert, als er 1977 erstmals in Las Vegas eine Show des Entertainers Liberace erlebt. Für den extravaganten Künstler ist es Leidenschaft auf den ersten Blick: Eine stürmische Affäre beginnt, Scott zieht in Liberaces Anwesen und wird als Chauffeur engagiert, um im schwulenfeindlichen Amerika der 1970er Jahre den Schein zu wahren. Der biographische Spielfilm über die späten Jahre des exaltierten Paradiesvogels Liberace, der auf der gleichnamigen Autobiographie von Scott Thorson basiert, ist makellos inszeniert und hinreißend erzählt. Obwohl die Geschichte tragisch ist und durchaus politische Dimensionen hat, erzählt Steven Soderbergh sie in seiner vorerst letzten Regiearbeit als amüsante und bewegende Liebesgeschichte mit doppeltem Boden. Herausragend (und sehr mutig) sind die beiden Hauptdarsteller Michael Douglas und Matt Damon. Auf die Frage, wie er den Ton seines Films beschreiben würde, antwortet Steven Soderbergh: „Es ist ein Drama. Es ist lustig, aber es ist ein Drama.“ Nach Brokeback Mountain war Liberace jedoch „zu schwul“ für die amerikanischen Kinoproduzenten, weshalb der US-Kabelsender HBO die Finanzierung übernahm – mit beträchtlichem Erfolg: Soderberghs Film, der außerhalb der USA regulär im Kino ausgewertet wird, ist ein Triumph für alle Beteiligten, der nicht eine Sekunde nach Fernsehen aussieht und auch dann wohl nicht sorgfältiger und kinogerechter hergestellt worden wäre, wenn das Geld von einem Kinoproduzenten gekommen wäre. In Cannes feierten Kritiker ihn als Soderberghs besten Film seit Jahren, womit der Regisseur – falls es sich tatsächlich um sein letztes Werk handeln sollte – einen brillanten Abgang hingelegt hat.
Regie: Steven Soderbergh
Biografie: Steven Soderbergh ist amerikanischer Filmproduzent, Drehbuchautor, Kameramann, Cutter und Regisseur, geboren in Atlanta, Georgia. Mit seinem Debüt als Regisseur, Sex, Lügen und Video gewann er die Goldene Palme von Cannes 1989. Mit Traffic gewann er 2001 den Oscar als Bester Regisseur.
Filmografie: Sex, Lügen und Video (1989), Erin Brockovich – Eine wahre Geschichte (2000), Traffic – Macht des Kartells (2000), Solaris (2002), Che (2008), Side Effects (2013), Liberace (2013)
Kamera: Steven Soderbergh
Schnitt: Steven Soderbergh
mit: Michael Douglas, Matt Damon
Produzent*in: Jerry Weintraub
Produktionsfirma: HBO
Deutscher Verleih: DCM

The Machine Which Makes Everything Disappear
Manqana, romelic kvelafers gaaqrobs, Georgien, Deutschland 2012, 101 min, Georgisch mit englischen Untertiteln, Regie: Tinatin Gurchiani
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Junge Georgier zwischen 15 und 23 werden zu einem Film-Casting in Tiflis eingeladen. Auch ein 13jähriger Junge und ein älterer Mann schleichen sich in die Runde. Sie stehen, wie die anderen jungen Frauen und Männer am Anfang verlegen vor einer Wand, von der der Putz bröckelt. Sie sollen von ihren Fähigkeiten, ihren Traumrollen und ihrem Motiv an dem Casting teilzunehmen erzählen. Dann lenkt die Regisseurin aus dem Off so geschickt und klug das Gespräch auch auf ganz persönliche Ereignisse oder Wünsche und Hoffnungen, dass die Protagonisten jede Scheu verlieren und sich öffnen. Der Film folgt den Geschichten, begleitet die Geschichtenerzähler in ihr reales Umfeld, um danach wieder zur Castingwand zurückzukehren und neuen Geschichten zu folgen. So zum Beispiel von dem Jungen, der auf Nachricht von seinem kranken Vater wartet, oder der stolzen Braut, die ein melancholisches Hochzeitslied singt, die junge desillusionierte Mutter oder der junge Bürgermeister, der mit seinen 25 Jahren die Geschicke eines Dorfes lenkt, deren Bewohner im Durchschnitt 70 Jahren alt sind. Schließlich, neben einigen weiteren Geschichten, die Geschichte der jungen Frau, die sich wünscht, dass es eine Maschine gäbe die sie verschwinden lassen könnte. Trotz einiger Melancholie und einer Georgischen Landschaft, die meist im Regen zu sehen ist, ist es dennoch kein schwerer Film, sondern ein faszinierendes poetisches Kaleidoskop der Gefühlswelt einer ganzen Generation Georgier. Der Film wurde zu über 25 Filmfestivals eingeladen und gewann den World Cinema Documentary Directing Award beim diesjährigen Sundance Film Festival.
Regie: Tinatin Gurchiani
Biografie: Tinatin Gurchiani wurde in Tiflis, Georgien, geboren. Dort studierte sie Malerei, Tanz und Psychologie. Nachdem sie ihr Diplom mit einer Ehrung von der Ivane Javakhishvili Tbilisi State Universität erhalten hatte, setzte sie ihr Studium in Psychologie an der Albert- Ludwigs Universität in Freiburg sowie an der Universität Graz in Österreich, fort. Sie studierte an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Gurchiani gewann 2007 den DAAD Preis für künstlerisches und soziales Engagement im Bereich Film. The Machine Which Makes Everything Disappear ist ihr erster Film.
Filmografie: The Machine Which Makes Everything Disappear (2012)
Kamera: Andreas Bergmann
Schnitt: Nari Kim, Doreen Ignaszewski
Produzent*in: Tinatin Gurchiani, Kakha Macharashvili
Produktionsfirma: Alethea Ltd., TTFilm
Weltvertrieb: Deckert Distribution

Das Mädchen Wadjda
Wadjda, Saudi Arabien, Deutschland 2012, 97 min, deutsche Fassung, Regie: Haifaa Al Mansour
Open Eyes
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Schulweg der zehnjährigen Wadjda aus dem saudi-arabischen Riad führt sie an einem Spielzeuggeschäft vorbei, das ein grünes Fahrrad anbietet. Dabei schlägt ihr Herz stets höher, denn dieses Rad zu besitzen würde bedeuten, sich endlich gegen den Nachbarsjungen Abdullah durchsetzen zu können und ihm, schnell wie der Wind, davon zu flitzen. Obwohl es Mädchen untersagt ist Fahrrad zu fahren, heckt Wadjda einen Plan aus, wie sie auf dem Schulhof Geld für das Rad verdienen kann. Als Wadjdas Machenschaften auffliegen, droht ein Schulverweis und die Hoffnung auf das Geld ist dahin. Dem Mädchen bleibt nur eine Chance: Sie muss den hoch dotierten Koran-Rezitationswettbewerb der Schule gewinnen. Mit viel Eifer und Erfindungsgeist macht sie sich daran, fromm zu werden. Und so hat sie auch keine Augen für die Probleme ihrer Mutter, die mit allen Mitteln zu verhindern versucht, dass ihr Mann eine zweite Frau heiratet. Ebenso wie ihre mutige Tochter erkennt aber auch Wadjdas Mutter, dass sie letztlich auf sich allein gestellt ist und einen steinigen Weg beschreiten muss, um für sich und ihre Tochter eine selbstbestimmte, bessere Zukunft zu erkämpfen. In ihrem Spielfilmdebüt Das Mädchen Wadjda erzählt die saudiarabische Regisseurin und Drehbuchautorin Haifaa Al-Mansour die anrührend-freche Geschichte einer Zehnjährigen, die mit Mut und Witz ihre eigenen Träume entgegen strenger Konventionen zu verwirklichen weiß. Der Film zeichnet ein differenziertes und authentisches Bild vom Leben der saudischen Frauen und vermittelt eine einmalige Innenansicht der dortigen Kultur und Gesellschaft.
Regie: Haifaa Al Mansour
Biografie: Haifaa Al Mansour ist die erste weibliche Filmemacherin Saudi- Arabiens. An der Amerikanischen Universität Cairo hat sie Vergleichende Literatur studiert und ein Masterstudium in Film an der Universität Sydney mit dem „Prestigious Endeavour Scholarship Award“ abgeschlossen. Das Mädchen Wadjda ist ihr erster Spielfilm und der erste in Saudi-Arabien gedrehte Spielfilm überhaupt. Das Drehbuch wurde im Rawi Sundance entwickelt und mit dem Shasha Grant des Abu Dhabi Film Festival ausgezeichnet.
Filmografie: Who? (2003) Bereavement of the Fledgling (2003), The Only Way
Out (2004), Women Without Shadows (2005), Wadja (2012)
Kamera: Lutz Reitemeier
Schnitt: Andreas Wodraschke
mit: Reem Abdullah, Waad Mohammed, Abdullrahman Al Gohani
Produzent*in: Gerhard Meixner, Roman Paul
Produktionsfirma: Razor Film Produktion
Weltvertrieb: The Match Factory
Deutscher Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Manuscripts Don’t Burn
Dast-Neveshtehaa Nemisoosand, Iran 2013, 125 min, Persisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Mohammad Rasoulof
Internationales Forum
Inhalt und Infos
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Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben, den neuen Film des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof, der ebenso wie Jafar Panahi seit 2010 zu Hausarrest und Berufsverbot verurteilt ist. Trotzdem gelang ihm ein bedrückendes Meisterwerk, eine kafkaeske Parabel auf die Zustände in seinem Heimatland, das zu Recht in Cannes mit dem FIPRECI-Preis ausgezeichnet wurde. Der Dichter und sein Henker. Eine Handvoll iranischer Autoren gibt es noch, Zeugen eines furchtbaren Attentats des Geheimdienstes auf Oppositionelle vor zehn Jahren und einer von ihnen hat ein Manuskript, in dem er die Ereignisse festgehalten hat. Auf der Suche nach dem Manuskript begegnen sie sich alle wieder: Die Täter und die Schriftsteller, die zwischen Anpassung, innerem Exil und ungebrochener Opposition changieren, während der nicht minder verzweifelte Folterer in den Pausen mit seiner Frau telefoniert und darauf wartet, seinen Lohn zu bekommen, um die Krankenhauskosten für sein Kind zu bezahlen. Es ist ein düsteres, brutales Bild, das Rasoulof vom Iran zeichnet. Eine zerfallende Gesellschaft, in der sich Opfer und Täter kennen wie der Hase die Schlange und die nur durch Gewalt zusammengehalten wird. Michael Sennhauser schreibt für den Schweizer Rundfunk, dass „Manuscripts Don’t Burn nicht einfach ein politischer Thriller ist, sondern ein meisterhaft erzählter und gebauter Film über Menschen mit unterschiedlichen Denk- und Motivationssystemen. Die beiden Häscher, mit denen er einsetzt, stellen sich zwar schon hin und wieder die Frage nach der Richtigkeit ihres Tuns, aber lange über die Antwort nachdenken müssen sie nicht: Denn im Gottesstaat ist der staatliche Auftrag immer auch ein göttlicher.“
Regie: Mohammad Rasoulof
Biografie: Mohammad Rasoulof stammt aus dem Iran und arbeitet als unabhängiger Regisseur. Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, The Twilight, veröffentlichte er 2002. Im Jahr 2005 folgte sein bislang bekanntester Film Iron Island für den er unter anderem den Preis der Filmkritik auf dem Filmfest Hamburg bekam. Im März 2010 wurde Rasoulof gemeinsam mit Jafar Panahi von iranischen Behörden festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe wegen Drehens ohne Drehgenehmigung und Verschwörung gegen die Islamische Republik Iran verurteilt. Das Berufungsverfahren gegen dieses Urteil steht noch aus. Bei den Filmfestspielen von Cannes gewann er 2011 mit Goodbye den Regiepreis der Un Certain Regard- Sektion. Manuscripts Don’t Burn erhielt 2013 den FIPRESCIPreis in Cannes. Mohammad Rasoulof ist Schirmherr des NIHRFF 2013.
Filmografie: The Twilight (2002), Iron Island (2005), Im Reich der Schlüssel (2008), The White Meadows (2009), Goodbye (2011), Manuscripts Don’t Burn (2013)
Kamera: Anonym
Schnitt: Anonym
Produzent*in: Mohammad Rasoulof
Weltvertrieb: Elle Driver

The Mass of Men
Großbritannien 2012, 16 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Gabriel Gauchet
Internationales Forum Kurzfilm
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Der monatliche Antritt in der Arbeitsagentur: der Londoner Arbeitslose Richard Burke hat sich um etwa drei Minuten bei seiner Arbeitsvermittlerin verspätet. Als höflicher und ehrlicher Mensch entschuldigt er sich für sein unbemerktes Zuspätkommen und bekommt dafür die ganze Härte und Unmenschlichkeit der bürokratischen Macht zu spüren … Gnadenlos stellt Gabriel Gauchets in seinem beeindruckenden Debut die institutionelle Gewalt der staatlichen Behörde dem brutalen Amoklauf eines Psychopathen gegenüber. 2012 bekam er dafür in Locarno den Goldenen Leoparden.
Regie: Gabriel Gauchet
Biografie: Gabriel Gauchet ist britischer Autor und Regisseur. Nachdem seinem Afrikanistikstudium begann er 2003 eine Ausbildung zum Filmregisseur an der Kunsthochschule für Medien in Köln und an der International Film and Television School (EICTV) in Kuba. 2013 machte er seinen Abschluss an der British National Film and Television School. Gauchet lebt und arbeitet in London.
Filmografie: When football is painting … (2005), Die Kneipe (2006), Efecto Dominó (2010), Mwansa the Great (2011), Diary of Incidences (2013)
Kamera: Nick Cooke
Schnitt: Alice Petit
mit: Peter Faulkner, Jane McDowell, Dominic Kinnaird
Produzent*in: Emily Morgan

Matthew’s Laws
De Regels van Matthijs, Niederlande 2012, 73 min, Niederländisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Marc Schmidt
Internationaler Wettbewerb
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Matthijs (englisch: Matthew) ist Autist – sein Jugendfreund Marc ist Regisseur. Der aus ihren über mehrere Monate gefilmten Begegnungen resultierende Film Matthew’s Laws ist eine Sensation. Matthias Heeder schreibt für Dok Leipzig: „Mit Matthew’s Laws ist Regisseur Marc Schmidt etwas außergewöhnlich Seltenes gelungen: uns Normalos den Blick in eine Gedankenwelt zu öffnen, deren Logik zwar bizarr sein mag, trotzdem aber die ganze Identität dieser Person ausmacht. ‚Autisten wie ich’, so sagt Matthijs, ,verengen ihre Wahrnehmung auf einen einzigen Bereich, den sie komplett durchdenken und ordnen müssen‘. Für Matthijs ist das seine Wohnung, die er diesem Prinzip unterwirft, sein Universum und Schutzraum zugleich. Die ist spätestens dann bedroht, wenn dieses Binnensystem mit dem Außen in Berührung kommt. Dieses sehr persönliche Portrait beruht auf der gegenseitigen Versicherung von Vertrauen und Offenheit des Vorgangs der Filmarbeit, die Mathijs schließlich in seinem System und in seinem Alltag unterbringen muss. Und dann befragen uns die Ereignisse selbst: wie mit der Andersartigkeit umgehen? Weit und breit keine Antworten. Jedenfalls keine, die für Mathijs passen.“ 2012 gewann Matthew’s Laws den Hauptpreis des renommierten Vison du Réel Filmfestivals in Nyon. In ihrer Begründung schrieb die internationale Jury: „Liebevoll und mutig setzt uns Regisseur Marc Schmidt seinem Jugendfreund gegenüber. Dieser Film überschreitet die Grenze in die unbekannte und rätselhafte Welt des Autismus. Matthew’s Laws gibt uns die Gelegenheit, Freundschaft und Selbstbestimmung im Spannungsfeld zu gesellschaftlichen Anforderungen aus einer einmaligen Perspektive heraus zu erleben.
Regie: Marc Schmidt
Biografie: Marc Schmidt (*1970) ist freier Dokumentarfilmregisseur. Nach seinem Studium der Filmtheorie an der Universität Utrecht und einer Ausbildung an der Kunsthochschule Tilburg arbeitete er zunächst als Toningenieur und im Videoschnitt. Dabei wuchs sein Interesse am Dokumentarfilm, dem er sich inzwischen hauptsächlich widmet.
Filmografie: Auswahl: Glady’s Clan (2004), Esmiralde (2007), Angela’s Mission (2010), Matthew’s Laws (2012), The Chimpanzee Complex (2014)
Kamera: Marc Schmidt
Schnitt: Katarina Türler
Produzent*in: Simone van den Broek, Ingeborg Jansen
Produktionsfirma: Basalt Film
Weltvertrieb: Autlook Filmsales

The Missing Picture
L’Image manquante, Kambodscha, Frankreich 2013, 95 min, Khmer, Französisch mit englischen Untertiteln, Regie: Rithy Panh
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
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Mit seinem Film S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer gewann Rithy Panh den Filmpreis des Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte 2003. Auch in seinem neuen Film, mit dem er gerade in Cannes einen Preis in der Sektion „Un Certain Regard“ gewann, widmet er sich den traumatischen Folgen der Gräueltaten der Roten Khmer, denen in den 70er Jahren in Kambodscha Millionen Menschen zum Opfer fielen. Doch diesmal erzählt er sein eigenes Trauma und das seiner Familie. Wie viele andere wurde Panhs Familie 1975 aus der Hauptstadt Phnom Penh vertrieben, in schwarze Uniformen gesteckt und in ein Arbeitslager auf dem Land gebracht. Kurz nach der Deportation starben Panhs Eltern an Hunger und Erschöpfung. Er selbst überlebte die Folterlager mit großem Glück. Die Form die er für diesen Film gewählt hat, ist außergewöhnlich: Das einzige Bildmaterial aus der Zeit stammt von den Roten Khmern selbst – Propagandaaufnahmen, die den politischen Zielen der Unterdrücker Vorschub leisten sollten. Und so rekonstruiert Panh seine Kindheit mit Holzpuppen, die der Bildhauer Sarith Mang gestaltete. Hinzu kommt ein hypnotisch wirkender Ton. Der französische Schriftsteller Christophe Bataille erzählt aus dem Off aus Panhs persönlichen Memoiren und von den inhumanen Methoden der Roten Khmer. Dabei reflektiert er immer wieder den Umgang mit den Bildern der Vergangenheit. Ergänzt wird dieser Monolog durch ein Soundgewitter, einer Melange aus Dröhnen und Quietschen, das der Musiker Marc Marder komponiert hat, und der verlogenen Fröhlichkeit der Propagandalieder, die gepaart wird mit der Lebensfreude kambodschanischer Popmusik aus besseren Zeiten. Was banal und kaum fassbar erscheint, beeindruckt und zieht immer mehr in seinen Bann. Was die vielen scheinbar authentischen Fotografien nicht leisten, nämlich die Erfahrung Panhs und seiner Zeitgenoss_innen in angemessener Weise darzustellen, das gelingt hier. Rithy Panh gibt den Zuschauern dadurch das „verlorene Bild“ zurück.
Regie: Rithy Panh
Biografie: Rithy Panh wurde 1964 in Kambodscha geboren. Er ist Regisseur, Buchautor und Gründer des Bophana Center und der kambodschanischen Filmkommission. Er ist Absolvent des französischen Instituts des Hautes Etudes Cinématographiques (IDHEC). Viele Filme seines umfangreiche Oeuvres sind preisgekrönt, so etwa sein erster Spielfilm Das Reisfeld, der im Wettbewerb von Cannes lief, oder sein bekanntester Film S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer, der 2003 u.a. den Hauptpreis des NIHRFF und die Goldene Taube in Leipzig gewann. 2013 erschien seine Autobiographie Auslöschung bei Hoffmann und Campe.
Filmografie: Auswahl: Das Reisfeld (1994), S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer (2003), Paper Cannot Wrap Up Ember (2007), The Sea Wall (2008), The Missing Picture (2013)
Kamera: Rithy Panh, Prum Messa
Schnitt: Rithy Panh, Marie-Christine Rougerie
Produzent*in: Catherine Dussart
Produktionsfirma: Cdp & Bophana Production
Weltvertrieb: Films Distribution, France

My Child
Benim Çocuğum, Türkei 2013, 82 min, Türkisch mit englischen Untertiteln, Regie: Can Candan
Internationales Forum
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Was, wenn Dein Kind plötzlich vor Dir steht und Dir eröffnet, dass es lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender ist? Im Erziehungsratgeber steht jedenfalls nichts darüber und auch der Allgemeinarzt kann und will nicht weiterhelfen – schließlich sei das Kind nicht krank. In der Türkei hat sich eine Gruppe Eltern zusammengetan, die andere Mütter und Väter aufklären und ihnen von den eigenen Erfahrungen berichten. Gemeinsam mit ihren Kindern kämpfen sie nun mutig für deren Rechte in einer konservativen, homo- und transphoben Gesellschaft. Anrührend und mit viel Humor erzählen die Eltern von ihren anfänglichen Ängsten, ihrer Hilflosigkeit und Unsicherheit und davon, wie sie sich als Eltern neu erfunden haben. Organisiert haben sie sich in LISTAG, einer Aktivisten-Gruppe für Eltern von LGBT. Einmal in der Woche trifft man sich untereinander, einmal im Monat klären sie andere Eltern auf und einmal im Jahr marschieren sie gemeinsam mit ihren geliebten Kindern bei der Pride Parade durch Istanbul.
Regie: Can Candan
Biografie: Can Candan ist Dokumentarfilmer und Akademiker. Er hat einen BA vom Hampshire College (USA) in Film und Video inne, und einen MFA von der Temple University (USA) in Film- und Medienkunst. Seine Arbeiten wurden international auf Festivals, Konferenzen, in Galerien und im Fernsehen gezeigt. Er gab Filmund Video-Workshops an Universitäten und Medienbildungszentren in den Vereinigten Staaten und der Türkei. Zwischen 2000 und 2005 war er Fakultätsmitglied, Lehrstuhlinhaber und Direktor des MA Programms des Instituts für Film und Fernsehen der Istanbuler Bilgi Universität. Später lehrte er an der Sabancı Universität und seit 2007 ist er Fakultätsmitglied an der Boğaziçi Universität in Istanbul. Er ist zudem Mitbegründer des docIstanbul – Center for Documentary Studies. My Child ist sein dritter Dokumentarfilm.
Filmografie: Auswahl: Boycott Coke (1989), Exodus (1991), DuvarlarMauernWalls (2000), 3 Hours (2008), My Child (2013)
Kamera: Oğuz Yenen
Schnitt: Gökçe İnce
Produzent*in: Can Candan, Ayşe Çetinbaş, Gökçe İnce
Produktionsfirma: Surela Film

Nach Wriezen – Ein Film über das Leben nach der Haft
Deutschland 2012, 88 min, deutsche Fassung, Regie: Daniel Abma
Open Eyes
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Der Dokumentarfilm begleitet die drei straffällig gewordenen Jugendlichen Imo (22), Jano (17) und Marcel (25) am Tag ihrer Entlassung aus der JVA-Wriezen (Brandenburg) und in den folgenden drei Jahren. Es werden Kinder geboren, Schrankwände umgeworfen und Drogen am Alex verkauft. Dieser im wahrsten Sinne des Wortes distanzlose Dokumentarfilm zeigt das Leben aus Sicht der Jugendlichen mit all ihren Wünschen, Gedanken, Ängsten und ihrem Stolz. Beim Internationalen Studentenfilmfestival Sehsüchte wurde Nach Wriezen als Bester Dokumentarfilm über 60 Minuten ausgezeichnet. Die Jury schrieb: „Dem Regisseur Daniel Abma und seinem Team ist ein beeindruckender, spannender Film über den schwierigen Neuanfang von drei jungen Straftätern gelungen. Ohne Vorurteile nähert er sich diesen Menschen, vor denen man eigentlich Angst haben müsste und lässt uns an ihren Sorgen, Geheimnissen und Schwächen teilhaben.“ Die Jury des Wettbewerbs „Made in Berlin-Brandenburg“ des Achtung Berlin Filmfestivals lobte: „Diesen Film zu sehen, bedeutet sich mit den eigenen Klischees auseinanderzusetzen und die persönlichen Grenzen neu zu verorten. Es ist ein Film, der kontroverse Auseinandersetzungen provoziert. Er beschreibt die Vergangenheit und zeichnet ein Fragezeichen in die Zukunft. Wer den Film sieht, kann sich ihm schwer entziehen. Er muss eine eigene Haltung einnehmen.“
Regie: Daniel Abma
Biografie: Daniel Abma wurde 1978 in den Niederlanden geboren. Studium der Grundschulpädagogik, dann Jugendarbeit in Berlin und Brandenburg. Seit 2008 an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF) mit Schwerpunkt Dokumentarfilm.
Filmografie: Offiziell – Inoffiziell (2010), Lothar Erdmann (2010), Gabriella und die Jungs aus Gold (2011), Hannes (2011), Truthahn und Diamanten (2011), Arbeitswege (2012), Nach Wriezen (2012)
Kamera: Johannes Praus, Anja Läufer
Schnitt: Jana Dugnus
Produzent*in: Catarina Jentzsch, Marie Ernst
Produktionsfirma: HFF Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg

Nani
USA 2011, 21 min, Englisch mit englischen Untertiteln, Regie: Justin Tipping
Internationales Forum Kurzfilm
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Justin Tipping erzählt in anrührenden Bildern, oft unterlegt mit Soulmusik und mit wunderbarer filmischer Leichtigkeit, von der außergewöhnlichen Begegnung zwischen dem Sprayer Oscar und der 84-jährigen demenzkranken Isabel. Die beiden treffen aufeinander, als Oscar in Isabels Wohnheim auftaucht, um Sozialstunden abzuleisten. Sie verlässt ihr Zimmer nur in Notfällen. Zu Oscar aber baut Isabel schnell Vertrauen auf und unternimmt mit ihm immer wieder nächtliche Spaziergänge. Dann gehen die beiden gemeinsam zum Taggen, denn Isabel ist auf geheimnisvolle Weise fasziniert von Oscars Hobby.
Regie: Justin Tipping
Biografie: Justin Tipping wurde 1985 in der Nähe von San Francisco geboren und studierte Film und Medien an der University of California in Santa Barbara. Er arbeitet als Cutter bei örtlichen Fernsehsendern und machte erste Regieerfahrungen mit Musikvideos. Augenblicklich ist er Student in der Regieklasse des American Film Institute Conservatory in Los Angeles.
Filmografie: Nani (2012)
Kamera: Benjamin Kitchens
Schnitt: Linda Jildmalm
mit: Tsai Chin, Johnny Ortiz
Produzent*in: West Lee McDowell
Produktionsfirma: American Film Institute

No Fire Zone: The Killing Fields of Sri Lanka
Großbritannien 2013, 93 min, Englisch, Tamil mit deutschen Untertiteln, Regie: Callum Macrae
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Spätestens im Sommer 2008 beschloss die Regierung Sri Lankas, den dreißigjährigen Bürgerkrieg mit den tamilischen Rebellen um jeden Preis zu Ende zu bringen. Um jeden Preis hieß: Ohne jede Rücksicht auf das Leiden der Zivilbevölkerung. Im Frühjahr 2009 kesselte die Armee die letzten 10.000 Rebellen und 300.000 Zivilistinnen und Zivilisten auf einem schmalen Küstenstreifen im Nordosten der Insel ein und nahm sie von Land, von der See und aus der Luft unter Dauerbeschuss. Sie tat dies, obwohl sie das Gebiet zur „No Fire Zone“ erklärt hatte. Nach Schätzungen der UN starben dabei 40.000 bis 70.000 Menschen. No Fire Zone ist der Ertrag einer dreijährigen journalistischen Recherche. Der Film liefert überzeugende Beweise und erschütternde Augenzeugenberichte zum schlimmsten Kriegsverbrechen dieses Jahrhunderts und zum Versagen der internationalen Gemeinschaft, diese Katastrophe zu verhindern. Der Film nutzt dazu sorgfältig überprüfte Bilder und Bildsequenzen, die unmittelbar Beteiligte – Opfer und Täter – während des Geschehens mit Handys und kleinen Kameras angefertigt haben: Nahaufnahmen aus mit eigener Hand gegrabenen Erdbunkern und überfüllten Feldlazaretten unter Beschuss. Ergänzt wird die detaillierte Rekonstruktion des alltäglichen Grauens von willkürlichen Hinrichtungen, Folterungen und von sexueller Gewalt durch die Befragung von Experten.
Regie: Callum Macrae
Biografie: Der für den BAFTA nominierte Regisseur Callum Macrae dreht seit mehr als 20 Jahren Filme in Großbritannien und der ganzen Welt, einschließlich Irak, Japan, Haiti und einigen Ländern in Afrika, aus denen er über Kriege und Konflikte in der Elfenbeinküste, Uganda, Mali und dem Sudan berichtete. Sein filmisches Spektrum reicht dabei von beobachtenden Dokumentationen bis hin zu drei investigativen Formaten zu Verbrechen der westlichen Alliierten im Irak. Zuletzt arbeitete er außer Sri Lanka auch in Südkordofan im Sudan, um dort Khartums Terrorkrieg gegen die nubische Bevölkerung zu dokumentieren. Als Autor des Observer gewann er den Bank of Scotland Campaigning Journalist of the Year Award.
Filmografie: Auswahl: Unreported World (2003), Iraq’s Mission Billions (2006),
On Whose Orders (2008), No Fire Zone: The Killing Fields of Sri
Lanka (2013)
Kamera: Vaughan Matthews
Schnitt: Michael Nollet
mit: Rufus Sewell
Produzent*in: Zoe Sale
Produktionsfirma: Outsider Films

Norte, the End of History
Norte, hangganan ng kasaysayan, Philippinen 2013, 250 min, Tagalog mit englischen Untertiteln, Regie: Lav Diaz
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
Inhalt
Dostojewskis Schuld und Sühne trifft auf poetischen Realismus: In seinem neuen, in Cannes gefeierten Meisterwerk, entwirft Lav Diaz ein Sittengemälde der modernen Philippinen, das einem mit seiner filmischen Opulenz und mit seinem radikalen Nihilismus die Sprache verschlägt. Der bürgerliche Jurastudent Fabian hat genug von der modernen Gesellschaft und will endlich seine revolutionären Ideen in die Praxis umsetzen. Sein Opfer wird die Pfandleiherin seines Wohnviertels: Er ermordet sie, doch die Spur des Verbrechens führt zu Joaquin, einem armen Schuldner der Ermordeten, der ohne Beweise zu einem Geständnis gebracht wird und für Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis verschwindet. Zurück bleibt seine Frau mit den beiden Kindern, die nun alleine den täglichen Kampf ums Überleben meistern muss. Diese kurz angerissenen Handlungsstränge verwebt Lav Diaz zu einem fulminanten, anspielungsreichen und spannenden Gesellschaftsroman, in dem die individuellen Schicksale der Protagonist_ innen den Spiegel bilden für eine in den Jahrhunderten des Kolonialismus und den Jahrzehnten der Diktatur beschädigte Gesellschaft.
Der Regisseur über seinen Film
Wenn man sich die Philippinen anschaut, sieht man, dass viele Menschen fast wie besessen sind von religiös-fundamentalistischen, evangelikalen Bewegungen. Das ist sehr extrem und sehr gefährlich. Die Menschen versuchen sich mit diesen Ideologien vor dem Unbekannten zu schützen, das sie als bedrohlich empfinden. Und dann gibt es den Norden. Der Norden ist der Ort, von dem aus sich der Faschismus in diesem Land ausbreitete. Der Norden ist die Heimat von Ferdinand Marcos. Deswegen habe ich den Film Norte genannt. Wenn man heute in den Norden geht, kann man eine sehr oberflächliche Entwicklung beobachten: Viele Leute arbeiten im Ausland und die schicken Geld. Und die Familie Marcos ist immer noch an der Macht. Die Tochter als Gouverneurin, die Mutter als Kongressabgeordnete, der Bruder als Senator da oben im Norden. Das ist ihr Königreich. Man bekommt eine düstere Ahnung davon, wenn man in den Norden fährt, eine Ahnung davon, was wir alle wegen dieser Gegend gelitten haben.
Regie: Lav Diaz
Biografie: Lav Diaz oder Lavrente Indico Diaz wurde 1958 in Datu Paglas, Maguindanao geboren und ist ein philippinischer Filmregisseur. Er schreibt, produziert, schneidet, filmt und komponiert seine Filme selbst. Auch um das Szenenbild kümmert er sich und spielt für gewöhnlich in seinen Filmen auch mit. Diaz studierte am Mowelfund- Film-Institut. Seine Filme, die sich zumeist mit der aktuellen sozialen und politischen Lage auf den Philippinen beschäftigen, laufen auf den größten internationalen Filmfestivals und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bekannt ist Diaz unter anderem für die außergewöhnlichen Längen seiner Filme, die oft über elf Stunden dauern.
Filmografie: West Side Kid (2001), Jesus, Revolutionary (2002), Evolution of a Filipino Family (2004), Death in the Land of Encantos (2007), Melancholia (2008), Woman o f the Wind (2011), Norte, the End of History (2013)
Kamera: Lauro Rene Manda
Schnitt: Lav Diaz
mit: Archie Alemania, Angeli Bayani , Soliman Cruz
Produzent*in: Raymond Lee (Moira)
Produktionsfirma: Wacky O Productions

ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt
Deutschland 2013, 79 min, deutsche Fassung, Regie: Anne Kodura
Internationales Forum / Open Eyes
Inhalt und Infos
Inhalt
Inmitten von Wäldern und ein paar Schafweiden steht ein Wohnblock auf einem ehemaligen Kasernengelände der sowjetischen Armee. Umringt von verfallenen Baracken, verrotteten Soldatenfresken, einem verwilderten Fußballplatz und einem nagelneuen Maschendrahtzaun. Hier wachsen die Kinder Aya, Momo und Mustafa auf. Abgeschottet vom Rest der Welt verbringen sie die Sommerferien in ihrem zu Hause, einem Asylbewerberheim. Scheinbar auf sich alleingestellt vertreiben sie die schier unendlich wirkende Zeit mit Streifzügen durch das hohe Gras, einem Ausflug zum See, dem Sammeln von Kupferschrott, den sie zu Geld machen wollen um ihr spärliches Taschengeld aufzubessern. Oder sie spielen mal „ganz normale Menschen“ oder „Wann kommst du mal wieder ins Heim?“ Vor Jahren schon sind ihre Eltern aus Kriegsgebieten geflüchtet, die meisten von ihnen sogar in Deutschland geboren. So verstehen sie das mit dem Asyl nicht wirklich und wollen eigentlich nur ganz normal sein. Konsequent aus der Perspektive der Kinder und im hellen Schwarzweiß gedreht, begleiten Anne Kodura und Friede Clausz die Kinder einen Sommer lang. „In bestechend schönen Bildern und mit den Worten von Kindern erzählt der Dokumentarfilm, wie es sich anfühlt, Flüchtling zwischen den Welten zu sein.“ (63. Berlinale Generation) Die Regisseurin über ihren Film Etwa 40.000 Flüchtlinge, darunter auch Familien mit Kindern, leben mitunter über zehn Jahre in deutschen Flüchtlingslagern, meist sehr abgeschieden und unter schlechten Lebensbedingungen. Die Kinder dieser Familien sind oft in Deutschland geboren, besitzen jedoch nicht die deutsche, sondern die Staatsangehörigkeit der Eltern. Sie sind lediglich geduldet im eigenen „Heimatland“ und können jederzeit abgeschoben werden. Sie werden in ein Land geboren, das sie eigentlich loswerden möchte. In der Schule „halbtags“ integriert und zu Hause im Lager isoliert, wachsen sie in einem Schwebezustand auf. Ihre Perspektive ist ungewiss. Die einzige Hoffnung ist eine Aufenthaltsgenehmigung – die Erlaubnis das Lager endlich verlassen zu können.
Regie: Anne Kodura
Biografie: Anne Kodura wurde 1987 in Halle (Saale) geboren. Studium der Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste in München und Realisierung erster Kurz- und Experimentalfilme. Sie ist Absolventin des Programms TP2 Talentpool der Tradewind Pictures, gefördert durch die Mitteldeutsche Medienforderung. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt entstand mit der eigenen Produktionsfirma DIE ZONE # Filmproduktion, die sie zusammen mit dem Kameramann Friede Clausz im Jahr 2012 gründete.
Filmografie: 7 minutes to 7 (2009), 1986 (2009), Chat Roulette (2011), ÖDLAND
– Damit keiner das so mitbemerkt (2013)
Kamera: Friede Clausz
Schnitt: Friede Clausz
Produzent*in: Anne Kodura, Friede Clausz
Produktionsfirma: DIE ZONE # Filmproduktion

Paradise Lost 3: Purgatory
USA 2011, 121 min, Englisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Bruce Sinofsky, Joe Berlinger
Internationales Forum / Open Eyes
Inhalt und Infos
Inhalt
Filme können Leben retten. Die Paradise Lost-Dokumentar-Trilogie der Filmemacher Joe Berlinger und Bruce Sinofsky trug maßgeblich dazu bei, dass drei junge Männer – unschuldig als Kindsmörder zum Tode verurteilt – heute in Freiheit leben können. Paradise Lost 3: Purgatory ist der dritte Teil dieser mitreißenden Chronik eines Justizskandals und er ist Ausdruck des großen Engagements der Filmemacher, die dafür mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurden. Ihre Dokumentation Paradies Lost – Die Kindermorde in Robin Hills aus dem Jahr 1996 weckte ernsthafte Zweifel an der Schuld der drei Verurteilten. Trotz des Films, der international für Aufsehen sorgte, blieben die drei weiter in Haft und von der Todesstrafe bedroht. Doch die Filmemacher blieben dran: 2000 folgt Paradies Lost 2: Revelations, der den fehlerhaften Berufungsprozess seziert. Mit Paradise Lost 3: Purgatory kehren sie 2011 noch einmal nach Arkansas zurück und es gelingt, was zuvor für unmöglich gehalten worden war: Alle drei Beschuldigten kommen frei. Paradise Lost 3: Purgatory ist das Porträt dreier jugendlicher Außenseiter in einem extrem konservativen Staat, die als Sündenböcke herhalten müssen. Besonders beeindruckend: Die Filmemacher lassen ihre Protagonisten nie im Stich, suchen Beweise, starten Kampagnen und filmen immer weiter! Entstanden ist dabei ein Justizthriller erster Güte – kaum mag man glauben, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt.
Regie: Bruce Sinofsky, Joe Berlinger
Biografie: Joe Berlinger, geboren am 30. Oktober 1961 in Boca Raton, Florida, und Bruce Sinofsky, geboren am 31. März 1956 in Boston, Massachussetts, sind seit ihrem herausragendem Debüt mit Brother’s Keeper (1989) ein amerikanisches Dokumentarfilmer- Team, das Kultstatus und Beifall von Kritikern erlangt hat. Das Duo ist wahrscheinlich am besten für ihre Paradise Lost-Trilogie bekannt. 2004 wurde die Metallica Dokumentation Some Kind of Monster veröffentlicht. Neben ihren vielen Kollaborationen widmen sich Berlinger und Sinofsky immer wieder auch Solo-Projekten.
Filmografie: Joe Berlinger Brother’s Keeper (1992), Paradies Lost – Die Kindermorde in Robin Hills (1996), Paradise Lost 2: Revelations (2000), Book of Shadows: Blair Witch 2 (2000), Some Kind of Monster (2004), Crude (2009), Paradise Lost 3: Purgatory (2011)
Bruce Sinofsky Brother’s Keeper (1992), Paradies Lost – Die Kindermorde in Robin Hills (1996), Paradise Lost 2: Revelations (2000), Hollywood High (2003), Some Kind of Monster (2004), Paradise Lost 3: Purgatory (2011)
Kamera: Bob Richman
Schnitt: Alyse Ardell Spiegel
Produzent*in: Joe Berlinger, Bruce Sinofsky, Jonathan Silberberg
Produktionsfirma: Radical Media
Weltvertrieb: HBO

Picket
Пикет, Russland 2013, 9 min, Russisch mit englischen Untertiteln, Regie: Vadim Ostrovskiy
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Die 16-jährige Sasha demonstriert für die Freilassung der Pussy-Riots. Bald erscheint ihre Mutter und will sie davon abbringen. Das Mädchen versucht, sie zu vertreiben, da laut Gesetz zwei Menschen eine illegale politische Versammlung bilden. Die junge Demonstrantin zieht jedoch rasch die Aufmerksamkeit der Passant_innen und Polizei auf sich. Picket reflektiert auf pfiffige Art und Weise die Möglichkeit von Zivilcourage im heutigen Russland. So entstand eine hübsche humorvolle Parabel über den Sinn von Protest und unerwartete Allianzen jenseits der Klischees.
Regie: Vadim Ostrovskiy
Biografie: Vadim Ostrovskiy ist ein russischer Filmregisseur, der schon über 50 Dokumentationen und Spielfilme gedreht hat, die vonden großen russischen Fernsehsendern ausgestrahlt wurden, wie etwa der Film Disappeared, die Serie Made in USSR, die Dokumentation Formula of Power, Obama und viele andere.
Filmografie: Picket (2013)

Planet of Snail
Südkorea, Japan 2011, 87 min, Koreanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Seungjun Yi
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Film über den taubblinden koreanischen Poeten Young-Chan und seine kleinwüchsige Frau Soon-Ho ist nicht einfach ein Dokumentarfilm darüber, wie ein gehandicaptes Paar seinen Alltag meistert. Es ist einer der poetischsten, bezauberndsten Liebesfilme der letzten Jahre. Der südkoreanische Regisseur Seung-Jun Yi schafft es, über seine beeindruckende Bildsprache die Zuschauer in die Welt der Beiden eintauchen zu lassen. Als Young-Chan seine Frau kennenlernte, bedeutete es für ihn den Weg in ein neues Universum der Kommunikation, denn sie tut nichts Geringeres für ihn, als ihm die Welt zu übersetzen. Dabei gleiten Soon Hos Finger behutsam über Young-Chans Hände und ihre Fingerkuppen berühren seine sanft und virtuos auf und ab wie bei einem Klavierspiel. Sie übersetzt in eine Sprache, in der jeder Buchstabe eine Berührung ist. „Ich bin ein Astronaut, träumend unter meinen Fingerspitzen,“ sagt Young- Chan, der über seine Finger auch die Literatur entdeckt hat. Er sagt, er sei Bewohner des Planeten der Schnecken, die nur über den Tastsinn kommunizieren. Für Soon-Ho und Young Chan bedeutet Sprache Nähe. Doch Soon-Ho kann ihren Mann wegen ihrer Wirbelsäulenprobleme nicht immer und überallhin begleiten und so muss Young-Chan unabhängiger werden, will er seinem Traum, als Autor anerkannt zu werden näher kommen. Ein schwieriger Prozess für das Paar, da sie zum ersten Mal seit langer Zeit getrennt sein werden. Doch für beide beginnt damit auch eine faszinierende Entdeckungsreise in die Welt nach draußen. Planet of Snail gewann 2011 den Hauptpreis des International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA), dem größten Dokumentarfilmfestival der Welt.
Regie: Seungjun Yi
Biografie: Seungjun Yi ist einer der aufstrebenden Regisseure in Koreas Dokumentarfilmszene. Er führte u.a. Regie bei Children of God (2008), einer Geschichte über Kinder, die im Krematorium von Nepal leben. Sein filmisches Interesse fokussierte sich immer schon auf sogenannte unsichtbaren Minderheiten, ihre Geschichten wurden sein Markenzeichen. Mit seiner abendfüllenden Dokumentation Planet of Snail hat Seungjun mit Kreativ-Talenten aus der ganzen Welt zusammengearbeitet.
Filmografie: Children of God (2008), Planet of Snail (2011)
Kamera: Seungjun Yi
Schnitt: Simon El Habre, Seungjun Yi
Produzent*in: Min-Chul Kim, Gary Kam
Produktionsfirma: CreativEAST
Weltvertrieb: CAT & DOCS

Powerless
Katiyabaaz, Indien 2013, 80 min, Englisch, Hindi mit englischen Untertiteln, Regie: Fahad Mustafa, Deepti Kakkar
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
David gegen Goliath – Stromdieb gegen Bürokratin: Aus Indien kommt diese peppig-verschmitzte und außerordentlich unterhaltsame Dokumentar-Räuberpistole. „Es wird einem angst und bange, wie die Funken zwischen den wirr verknoteten Kabeln sprühen, wie gefährliche Feuerzungen an den alten Transformatoren lecken und ältere Männer jüngere dazu auffordern, ein wenig Wasser auf die Brandherde zu gießen. Plötzlich wird es dunkel. In Kanpur, der einstigen Lederhauptstadt Indiens, gibt es in einigen Stadtteilen mehr „Blackouts“ als Stunden mit funktionierender Stromversorgung. Deswegen hat es sich Loha Singh zur Lebensaufgabe gemacht, die ärmeren Familien und gestressten Kleinunternehmer auf wahrlich abenteuerliche Weise mit Strom zu versorgen, ein Robin Hood der Gegenwart. Seine direkte Gegenspielerin ist die Frau an der Spitze des staatlichen Energieversorgers Kesco, doch Mrs. Ritu Maheshwari verkörpert in diesem Film keineswegs das Böse. Die beiden Protagonisten sind lediglich die Vortänzer in einer wahnsinnig wirkenden Operette: Powerless ist ein Dokumentarfilm über die Stromversorgung einer indischen Großstadt, die Geschichte entrollt sich entlang des Kabelgewirrs und zeichnet dabei Konfliktlinien von teuflischer Komplexität nach“. (Dorothee Wenner, Berlinale 2013)
Fahad Mustafa über seinen Film
In Powerless porträtieren wir die sogenannten Katiyabaaz, die Stromdiebe von Kanpur. Ihre Arbeit ist illegal und hoch gefährlich, nicht selten hört man davon, dass einer von ihnen aufgrund der hohen magnetischen Anziehungskraft an Hochspannungsleitungen „hängengeblieben“ ist. Ich habe noch nie jemanden wie die Hauptfigur unseres Films, Loha Singh, kennengelernt. Er hat die Fähigkeit, sich selbst in einer menschenleeren Straße plötzlich in Luft aufzulösen. Seine Lebensumstände sind unauflöslich mit der besonderen Geschichte Kanpurs verknüpft. Wie Millionen andere Inder versucht auch er, in der anhaltenden Krise über die Runden zu kommen.
Regie: Fahad Mustafa
Biografie: Fahad Mustafa wurde am 10. November 1984 im indischen Kanpur geboren. Er studierte Geschichte am St. Stephen’s College in Delhi sowie Global Studies an der Universität Wien. 2010 war er Mitglied eines UN-Berichterstatterteams in Wien zum Thema Folter. Im gleichen Jahr entstand sein erster Film, FC Chechnya (2010). Powerless ist sein erster abendfüllender Film.
Filmografie: FC Chechnya (2010), Powerless (2013)
Regie: Deepti Kakkar
Biografie: Deepti Kakkar wurde am 21. Februar 1986 in Delhi geboren. Sie studierte Geschichte und Global Studies an den Universitäten in Delhi, Leipzig und Wien. Bereits während ihres Studiums engagierte sie sich in den Bereichen soziale Entwicklung und nachhaltige Existenzsicherung. Sie hat einen Kurzfilm über Mikrokredite in Indien gedreht und am Drehbuch für Fahad Mustafas Film FC Chechnya (2010) mitgearbeitet. Powerless ist ihr erster abendfüllender Film.
Filmografie: Powerless (2013)
Kamera: Maria Trieb, Amith Surendran, Fahad Mustafa
Schnitt: Maria Trieb, Namrata Rao
Produzent*in: Deepti Kakkar, Fahad Mustafa, Leopold Koegler, Judy Tam
Produktionsfirma: Globalistan Films, Itvs International
Weltvertrieb: CAT & DOCS

Purgatorio
Mexiko, USA 2013, 82 min, Englisch, Spanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Rodrigo Reyes
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Eine dokumentarische Ode von herber Schönheit an das Niemandsland zwischen den USA und Mexiko, eine essayistische Betrachtung über die US-amerikanischen Grenzanlagen im Speziellen und die Grenze im Allgemeinen. In brillanten und doch immer wieder schmerzhaften Bildern wird die brodelnde Hölle gezeigt, die sich auf beiden Seiten des Zaunes auftut. Konkrete Orte werden nie genannt. Dies untermauert den Subtext des Films, der unterstellt, dass die Grenze und die darauf errichtete Mauer keinen realen Ursprung haben. Doch die Konflikte, die Armut und Gewalt, sind nur allzu real. Reyes‘ Voice-Over korrespondiert mit apokalyptischen Szenerien die seine Kamera einfängt. Der Film vermeidet es zu politisieren, ihn interessieren mehr die menschlichen Dramen diesseits und jenseits der Grenze. Zwei mexikanische Migranten starren auf den Stahlzaun, der die Wüste in zwei identische Landstriche teilt. Der Jüngere bemängelt, dass die Medien „nur die Landschaften, nie die Menschen“ zeigen. Dann folgt die Kamera dem jüngeren Mann als er seine Tasche fallen lässt, sorgfältig den Zaun mustert und sich auf die andere Seite schwingt. Reyes interessiert sich für die Menschen, nicht für die Landschaft.
Der Regisseur über seinen Film
Als ich die Idee zu einem Dokumentarfilm über diese Region bzw. über dieses Phänomen entwickelte, entschied ich mich bewusst gegen das Beleuchten von politischen Zusammenhängen. Purgatorio sollte eine Erfahrung werden, keine Problemlösung. Ich wollte den Zuschauern nicht sagen „Schau, dieses Problem existiert, mach dieses oder jenes, um es zu beheben.“ Ich wollte eine Erfahrung bieten und um dies zu ermöglichen musste ich mich von den politischen und statistischen Details entfernen, weil diese Details sich ständig ändern. Die Grenze hingegen existiert seit Jahren und Jahrhunderten. Mit Purgatorio kann ich die Grenze zwischen den USA und Mexiko besser greifen. Ich glaube, dass die Mehrzahl der Mexikaner mit der Grenze lebt und mit ihr auf die eine oder andere Art verbunden ist. Uns beeinflusst die Grenze bewusst oder unbewusst; wir werden von ihr bestimmt, reagieren stets auf sie; wir leben dieses Verhältnis zu den USA. Da ich selber ein in den USA lebender mexikanischer Immigrant bin, wollte ich endlich diese seltsam-bizarre Linie, die uns voneinander trennt, verstehen.
Regie: Rodrigo Reyes
Biografie: Rodrigo Reyes wurde 1983 in Mexiko Stadt geboren und studierte International Studies in San Diego, Madrid und Mexiko Stadt. Doch anstatt Karriere zu machen, verarbeitet er seinen multikulturellen Hintergrund als Filmemacher.
Filmografie: The 12th of December (2009), 99 Years After the Revolution (2010), Memories of the Future (2011), Purgatorio (2012)
Kamera: Justin Chin
Schnitt: Manuel Tsingaris
Produzent*in: Inti Cordera
Produktionsfirma: La Maroma Producciones

Reality 2.0
Deutschland 2012, 11 min, Spanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Victor Orozco Ramirez
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
„Es war Herbst, als ich nach Deutschland kam. Ich dachte, an diesem für mich exotischen Ort könnte ich mich von Mexiko ein wenig distanzieren, aber ich habe mich geirrt. Die Narcos haben mich brutal eingeholt.“ Eine dokumentarische Animation, ein animierter Dokumentarfilm über die endlose Spirale der Drogengewalt in Mexiko. In seinem Doku-Animationsfilm Reality 2.0 wirft Victor Orozco Ramirez einen Blick zurück auf seine Heimat Mexiko, der zwischen Sehnsucht und Schrecken schwankt. Orozco verwandelt dokumentarische Bilder mit leuchtenden Aquarellfarben in Animationen, die das nicht mehr Erträgliche der gefilmten Wirklichkeit sichtbar machen, ohne diese Wirklichkeit zu verleugnen. Wo das Grauen allein den Betrachtern den Blick verstellen kann, zwingt ihn die Übersetzung durch die Animation zur Auseinandersetzung. Eine Aufforderung zum Hinschauen. Ein neuartiger Zugang zur Realität.
Regie: Victor Orozco Ramirez
Biografie: Victor Orozco Ramirez schloss sein Studium in industriellem Design mit einem Diplom der Universität von Guadalajara und schloss sein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburgmit einem Masterabschluss im Bereich Dokumentarfilm ab. Er gründete 1999 das Gremiodiseño (Design- und Kunst-Labor) und organisiert aktuell in Deutschland, Ecuador und Mexiko das Filmfestival ambulart, ein Kulturprojekt, dessen Ziel der Filmaustausch zwischen Deutschland und Lateinamerika ist. Er führte zudem Regie bei einer Anzahl von Animations- und Dokumentarkurzfilmen.
Filmografie: Make Me a Saint (2002), Squarehead (2003), Spare the Blood, Spoil the Child (2005), Tateikie Behind the Curtain (2009), White and Fish (2011), Reality 2.0 (2012)

Revolutionary Memories of Bahman
Who Loved Leila
Iran 2012, 15 min, Persisch mit englischen Untertiteln, Regie: Farahnaz Sharifi
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Spannender, experimenteller Kurzfilm, der zur Zeit der islamischen Revolution spielt. 1978 ist in Teheran Blutvergießen an der Tagesordnung. Bahman, der tote, unter falschem Namen begrabene Ich-Erzähler, blickt auf seine Jugend zurück, in der er Leila liebte und wegen ihr zum Revolutionär wurde. Schwarzweiße Archivfotos, in denen Personen und Gegenstände farbig hervorgehoben sind, unterfüttern die gefälschte Biographie. So entsteht ein verschmitztes Spiel mit Wahrheit und Erinnerung, in der die Revolution umsonst war- Leila heiratet einen anderen.
Regie: Farahnaz Sharifi
Biografie: Nach ihrem Filmstudium drehte Farahnaz Sharifi ihre erste Dokumentation, Moon’s Voice, der zahlreiche Preise auf iranischen Filmfestivals gewann, sehr positiv von Filmkritik und Publikum aufgenommen wurde und bei vielen internationalen Film Events gezeigt wurde. Ihre nächsten Filme wurden mehrfach auf iranischen Filmfestivals ausgezeichnet. Sie gilt als eine der führenden Persönlichkeiten der jungen Generation des iranischen Dokumentarfilms. Sie veröffentlichte zudem eine Kurzgeschichtensammlung, die 2011 als bestes fiktionales Buch Irans nominiert wurden. 2012 besuchte sie die IDFA Summer School. Sie lebt in Tehran und arbeitet an ihrem neuen Film.
Filmografie: Revolutionary Memories of Bahman Who Loved Leila (2012)
Kamera: Reza Teymouri
Schnitt: Farahnaz Sharifi

Roots
Senzo ni naru, Japan 2012, 118 min, Japanisch mit englischen Untertiteln, Regie: Kaoru Ikeya
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
„Naoshi ist ein rüstiger Mann von 79 Jahren, der sein Leben lang als Holzfäller und Zimmermann gearbeitet hat. Als 2011 der Tsunami Japan heimsuchte, geriet das Gebälk seines Hauses selbst dann nicht ins Wanken, als das Wasser bereits den zweiten Stock erreichte. Allerdings wurde sein Sohn von den Fluten mitgerissen und ertrank. Naoshi will nur noch eines: Sein Haus an der gleichen Stelle wiederaufbauen, seinen Lebensabend dort verbringen und seines Sohnes gedenken. Doch seine Entschlossenheit wird auf die Probe gestellt: Durch seine Frau, die nur aus Pflichtgefühl bei ihm bleibt; durch die Regionalbehörden und ihre Baurichtlinien; wohl auch durch seinen Körper, in dem ein Prostata-Tumor schwelt. Kaoru Ikeya verfolgt Naoshis Bauarbeiten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr mit unfehlbarem Gespür dafür, wann er besser keine Fragen stellt und schweigt. Während die Jahreszeiten wechseln, die Trümmer verschwinden und neue Wurzeln wachsen, entfaltet sich dieses Porträt eines stoischen Mannes zu einer komplexen Studie über all die Zwiespälte, die der Wiederaufbau mit sich bringt – in Form familiärer Verpflichtungen, Traditionen und kommunaler Bestimmungen.“ (James Lattimer, Berlinale, Forum 2013)
Der Regisseur über seinen Film
Während ich wie betäubt durch das Erdbebengebiet reiste, erfuhr ich, dass eine der Städte in der Umgebung ein Kirschblütenfest organisieren wollte. […] Das Kirschblütenfest fand in einem Tempel in den Bergen statt; es war sehr berührend. […] Ein älterer Herr wendete sich mit großer Ruhe an die Anwesenden: „Die Kirschbäume blühen wie in jedem Jahr.“ Aus diesen Worten sprach eine tapfere Entschlossenheit, die Region wieder aufzubauen, sie vermittelten die Geisteshaltung jener Menschen, die eng verbunden sind mit dem Land, wo sie leben. Als ich mir an jenem Abend das Material anschaute, das wir tagsüber gedreht hatten, entschloss ich mich, dass mein Film von diesem Mann handeln sollte. Sein Name ist Naoshi Sato, er ist der Held von Roots.
Regie: Kaoru Ikeya
Biografie: Kaoru Ikeya wurde 1958 in Tokyo geboren und machte seinen Abschluss in Kunstphilosophie an der Doshisha Universität. Nach mehreren TV-Dokumentationen drehte er 2002 mit Daughter from Yan’an seinen ersten abendfüllenden Film, der u.a. den Preis für die beste Dokumentation des Karlovy Vary International Film Festival gewann. Sein zweiter Film The Ants gewann u.a. den Humanitarian Award des Internationalen Film Festivals in Hong Kong. Roots erhielt eine Lobende Erwähnung der ökumenischen Jury des Berlinale- Forums 2013.
Filmografie: China: Rise of the World’s Market (1999), Reunion (2000), Daughter from Yan‘an (2002), The Ants (2005), Roots (2012)
Kamera: Masaharu Fukui
Schnitt: Koichi Tayama
Produzent*in: Yoko Kwon
Produktionsfirma: Ren Universe, Inc.

Salma
Großbritannien 2013, 90 min, Tamil mit englischen Untertiteln, Regie: Kim Longinotto
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Salma ist Muslima und heute die berühmteste Lyrikerin Südindiens. Regisseurin Kim Longinotto dokumentiert die Geschichte einer außergewöhnlich starken Frau, die sich nach 20-jährigem Leidensweg aus den unfassbar entwürdigenden Unterdrückungsstrukturen einer islamischen Dorfgemeinschaft befreit. Gemeinsam mit Longinotto begibt Salma sich zurück in ihr Heimatdorf, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen und Einblicke zu geben in die auch heute noch durch und durch patriarchalen Verhältnisse: Wie alle jungen Frauen mit Beginn ihrer Menstruation von der Außenwelt abgeschirmt, bis zu ihrer Verheiratung eingesperrt, trotz jahrelanger Gegenwehr am Ende zwangsverheiratet, lebte Salma in ihrer neuen Familie wieder wie eine Gefangene. Diese entwürdigenden Umstände, die für Salma das Ende ihrer Freiheit, aber auch ihrer Schulbildung bedeuteten, reflektierte sie in ihren Gedichten. Heimlich schrieb sie über die Situation unterdrückter muslimischer Frauen. Schließlich gelang es Salma mit der Hilfe ihrer Mutter, ihre Gedichte landesweit zu verbreiten. Nach Pink Saris (NIHRFF 2011) macht Kim Longinotto in diesem starken Dokumentarfilm bereits zum zweiten Mal auf die schwierige Situation indischer Frauen aufmerksam. „Der Film denunziert nicht, sondern zeigt Eltern, den Ehemann, die Schwiegermutter und Verwandte selbst als Gefangene eines jahrhundertealten Systems. Indem Salma sie selbst war und niemals aufgab, hat sie die Leute um sich herum verändert. Genau das zeigt Kim Longinotto mit ihrer Kamera.“ (dradio.de)
Regie: Kim Longinotto
Biografie: Kim Longinotto studierte an der National Film School in London. Seit mehr als zwei Jahrzehnten dreht sie Filme zu frauenrelevanten Themen in den unterschiedlichsten Ländern wie Japan, Kamerun und Indien. The Day I Will Never Forget, ein Film über kenianische Mädchen, die weibliche Beschneidungen in Frage stellen, feierte beim Sundance Film Festival 2003 Premiere. Sisters in Law (NIHRFF 2007), der in Kamerun spielt, gewann 2005 den C.I.C.A.E. Award in Cannes. Rough Aunties (NIHRFF 2009), über eine Gruppe mutiger Frauen in Südafrika, gewann den Documentary Jury Prize beim Sundance Film Festival 2009.
Filmografie: Pride of Place (1976), Shinjuku Boys (1995), Runaway (2001), The Day I Will Never Forget (2002), Sisters in Law (2005), Rough Aunties (2008), Pink Saris (2010), Salma (2013)
Kamera: Kim Longinotto
Schnitt: Ollie Huddleston
Produzent*in: Kim Longinotto
Produktionsfirma: VIXEN FILMS
Weltvertrieb: Women Make Movies, Inc.

Short for Vernesa B.
Deutschland, Bosnien und Herzegowina 2012, 10 min, deutsche Fassung, Regie: Jons Vukorep
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Direkt in die Kamera berichtet Vernesa B. von ihrer Lebens- und Leidensgeschichte seit sie vor dem Krieges aus Bosnien floh. Wo auch immer sie seit ihrer Flucht hinkam, immer wurde sie in ihrer Rolle als gutaussehende osteuropäische Flüchtlingsfrau gesehen oder besetzt. So hat sie keine Chance, den Vorurteilen zu entkommen, weder auf der Bühne noch im echten Leben. Geschickt verwebt der Regisseur Jons Vukorep die inszenierten kurzen Spielsequenzen mit dem Lebensbericht zu einem kleinen Meisterwerk über den alltäglichen Rassismus in Deutschland. „Viele Preise hat der atmosphärische Kurzfilm von Jons Vukorep bereits gewonnen. Sein bewegendes Regiedebüt erzählt von Vernesa, die in Bosnien eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin führt. Doch als der Krieg beginnt, ändert sich alles: Vernesa muss nach Deutschland fliehen, wo die einzige Rolle, die sie noch spielen kann, die des bosnischen Flüchtlings ist. Vernesa ist gefangen in ihrem eigenen Albtraum. “ (Filmfest Oldenburg).
Regie: Jons Vukorep
Biografie: Mit seinem Regiedebüt Short for Vernesa B. gewann Jons Vukorep 2012 den Kurzfilmpreis des achtung berlin Filmfestivals. Als Sohn einer Deutschen und eines Kroaten kam Vukorep 1972 in Sarajevo zur Welt. Dort lebte er bis zum Ausbruch des Jugoslawienkrieges und zog, um dem Militärdienst zu entgehen, 1991 nach Deutschland. In Hamburg studierte er an der Fachhochschule für Gestaltung Illustration und Kommunikationsdesign und realisierte erste filmische Arbeiten. Seit 2002 lebt Jons Vukorep in Berlin. Neben seiner Arbeit beim Film und Theater als Regieassistent, Produktionsleiter und Autor ist er Gründungsmitglied der Popband La Stampa. Zur Zeit arbeitet Jons Vukorep als Art Director für die Genfer Kunstmesse, bereitet zwei neue Filmprojekte vor und nimmt mit seiner Band die zweite Platte auf.
Filmografie: Short for Vernesa B. (2012)
Kamera: Michael Kotschi
Schnitt: Angi Harrer-Vukorep
Produzent*in: Michael Kotschi, Caroline Kirberg
Produktionsfirma: jucca film, Angerbauer & Kirberg

Snake Dance
Belgien, Niederlande, Iran 2012, 75 min, Englisch, Französisch mit englischen Untertiteln, Regie: Manu Riche, Patrick Marnham
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Manu Riche und der Schriftsteller Patrick Marnham schufen ein außergewöhnlich kluges und poetisches politisches Filmessay. Im Zentrum stehen die Entwicklung der Atombombe und deren Folgen bis heute, aber tatsächlich führt der Film weit darüber hinaus. Bei den Drehorten rund um den Globus werden verblüffende Bezüge hergestellt. Eigentlich wollte der belgische Regisseur einen Film über die Kolonialgeschichte seines Landes drehen mit Bezug auf die heutigen unwürdigen Lebensbedingungen im Kongo und dem illegalen Uranabbau. Patrick Marnham arbeitete zur selben Zeit an einem Buchprojekt über den Atomwissenschaftler Robert Oppenheimer. Ohne das kongolesische Uran hätte er nie die Atombombe entwickeln können. Manu Riche sah darin die Möglichkeit einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit und in der Tat sprengt das Filmessay viele Grenzen. Patrick Marnhams wunderschöner Kommentar fasst das Unfassbare konzentriert zusammen und nimmt uns mit an die Orte des einstigen Geschehens, die nun meist eine merkwürdige neutrale Stille ausstrahlen, die zum Nachdenken animiert. Deshalb wird auch völlig auf Archivaufnahmen verzichtet. Die Reise beginnt in Japan. Ein Pianist spielt jene Beethoven-Musik in Nagasaki, mit der die Atomwissenschaftler damals in Los Alamos ihre Arbeit begannen. Die wunderschöne Musik verbindet sich unwillkürlich mit Gedanken an die Atomabwürfe in Japan. Die Filmaufnahmen selbst entstanden zwei Wochen vor den Tsunamis in Fukushima. Unwillkürlich drängt sich der Bezug zur Gegenwart seinen Weg. Seinen Titel erhielt der Film vom Klapperschlangentanz, den die Hopi-Indianer als Ritus gegen die Angst einsetzten und den der Kulturwissenschaftler Aby Warburg Ende des Neunzehnten Jahrhunderts genau dort erforschte, wo 60 Jahre später die Atombombe von Oppenheimer entwickelt wurde. Mit der Erfindung der Atombombe habe die Menschheit die Büchse der Pandora geöffnet, sagt Manu Riche. Und die Unschuld für immer verloren. Snake Dance ist eine faszinierende Gedanken- und Bilderreise.
Regie: Manu Riche
Biografie: Manu Riche, geboren 1964, ist ein belgischer Dokumentarund Spielfilmregisseur. Er gehörte zu den Ersten, die zum legendären Spielfilmformat Strip-Tease beitrugen, das von dem belgischen Fernsehsender RTBF produziert wurde. Er ist Initiator, Produzent und Regisseur von Hoge Bomen, einer Serie, die die formellen und informellen Machthaber im heutigen Belgien porträtiert. In diesem Jahr inszenierte er das Theaterstück Raymond am Königlich Flämischen Theater in Brüssel. Bereits 2003 verfilmte er Patrick Marnhams Simenon-Biographie The Man Who Wasn’t Maigret: A Portrait of Georges Simenon.
Filmografie: Baudouin I (2001), The Man Who Wasn’t Maigret (2003), The Politician (2005), Tempo of a Restless Soul (2009), Snake Dance (2012)
Regie: Patrick Marnham
Biografie: Patrick Marnham, geboren 1943, ist ein englischer Journalist und Schriftsteller. Er ist vor allem für seine Biografien bekannt, in denen er sich so verschiedenen Personen wie Diego Rivera, Georges Simenon, Jean Moulin und Mary Wesley widmete. Als Journalist arbeitet er unter anderem für die Times, den Guardian und den Observer. Von 1968 bis 1971 schrieb Marnham auch Drehbücher für die BBC. Seine Bücher sind mehrfach ausgezeichnet worden. Seine Simenon-Biographie The Man Who Wasn’t Maigret: A Portrait of Georges Simenon wurde 2003 von Manu Riche verfilmt.
Filmografie: Snake Dance (2012)
Kamera: Renaat Lambeets, Ross McDonnell
Schnitt: Michèle Hubinon
Produzent*in: Manu Riche, Geneviève De Bauw
Produktionsfirma: Riche Riche & Riche, Soho Moon, IDTV, Ryva production
Weltvertrieb: Andana Films

Soldier/Citizen
Bagrut Lochamim, Israel 2012, 68 min, Hebräisch englischen Untertiteln, Regie: Silvina Landsmann
Internationales Forum / Open Eyes
Inhalt und Infos
Inhalt
Auf ein differenziertes Bild des Nahost-Konflikts haben die jungen Israelis wirklich keinen Bock, die gegen Ende ihres Militärdienstes die Gelegenheit erhalten, verpasste Schulabschlüsse nachzuholen. Drei Wochen am Stück steht Staatsbürgerkunde auf dem Programm. Nüchtern beobachtet die Kamera die hitzigen Debatten, in denen erschreckend unversöhnliche Ansichten zutage treten. In Uniform und das Gewehr stets in Reichweite wird über Pluralismus, Diskriminierung, Menschenrechte, das komplexe Selbstverständnis des jüdischen Staates und den israelisch-palästinensischen Konflikt diskutiert. An die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz glaubt hier im Unterschied zum liberalen Lehrer niemand. Araber sind ausnahmslos Terroristen, denen keinerlei Rechte zugestanden werden. Wer widerspricht, wird als ‚Leftist‘ beschimpft. Ohne Frage sind die Haltungen der jungen Soldaten von den Erfahrungen und Diskursen in der Armee geprägt, die ihre Positionen verhärtet und jegliches Differenzierungsvermögen zum Verschwinden gebracht haben. Bedenkt man jedoch, dass in Israel fast alle die Institution Militär durchlaufen, wird das Klassenzimmer zum Mikrokosmos der Mehrheitsgesellschaft. (Berlinale 2012, Forum)
Die Regisseurin über ihren Film
„Der Film beschreibt ja die Phase des Übergangs vom Soldaten zum Bürger. Kann man ausschließlich Bürger sein, wenn man einmal Soldat war? Kann man in Israel überhaupt nur Bürger sein? Darum geht es in der Staatsbürgerkunde. Die israelische Doppelidentität – ein jüdischer und ein demokratischer Staat zu sein – steht bereits in der Unabhängigkeitserklärung und ist für manche ein unmöglicher Gegensatz. Und genau das wird im Unterricht auch behandelt: Die Strömung, die einen ausschließlich jüdischen Staat will, wo die Gesetze der Torah auf den Staat angewandt werden. Auf der anderen Seite die Strömung, die einen ausschließlich demokratischen Staat anstrebt, wo alle Bürger gleich sind und die jüdische Identität keine besondere Rolle spielt. Im Februar nach den Wahlen werden wir mehr wissen.“ (Interviewauszug: orf.at)
Regie: Silvina Landsmann
Biografie: Silvina Landsmann wurde am 21. Juli 1965 in Buenos Aires geboren. Im Alter von elf Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Israel. Sie studierte Film an der Universität von Tel Aviv. Anschließend lebte sie zehn Jahre lang in Paris, wo ihr erster Film Collège (1997) entstand. Nach ihrer Rückkehr nach Israel gründete sie die Produktionsfirma Comino Films. Neben ihrer Tätigkeit als Regisseurin unterrichtet sie Dokumentarfilm an der Kinemathek von Tel Aviv.
Filmografie: Collège (1997), Post Partum (2004), Unto Thy Land (2007), Soldier/Citizen (2012)
Kamera: Silvina Landsmann
Schnitt: Gil Shnaiderovich
Produzent*in: Silvina Landsmann
Produktionsfirma: Comino Films
Weltvertrieb: Doc & Film International

Space in Between
Niederlande 2012, 25 min, Niederländisch englischen Untertiteln, Regie: Noelia Nicolás
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Täglich läuft eine junge Frau einen Waldweg entlang, bis sie sich an einer bestimmten Stelle im Gras niederlässt. Vor ihr schwimmen Enten in einem Wassergraben und Libellen tänzeln in der Luft. Trügerisch idyllisch mutet der grünbewachsene Ort an. Hinter dem Maschendrahtzaun und den hohen Betonmauern liegt jedoch der tatsächliche Grund ihrer Besuche. Weit ist er nicht, ihr Liebster. Trotz allem muss sie ihre Liebkosungen immer wieder lauthals über den unüberwindbaren Graben schreien, damit ihr Freund sie am Fenster eines Amsterdamer Gefängnisses hören kann. Sie unterhalten sich über Alltägliches, was es zu essen gab, ob er den Film am Vorabend im Fernsehen mochte und ob er auch seine Vitamine genommen hat. Ruhig beobachtet die Kamera sie dabei, kommt nie ins Bild und vermeidet jeglichen Kommentar. Es ist die Ruhe, die in Space in Between spricht und ebenso kunstvoll wie spannend den Versuch eines normalen Beziehungsalltags im Leben des jungen Paares einfängt.
Regie: Noelia Nicolás
Biografie: Noelia Nicolás ist eine spanische Regisseurin, Produzentin, Cutterin und Kamerafrau, die in Amsterdam lebt. Sie studierte Journalismus an der Universität Autonoma in Barcelona und Dokumentarfilm-Regie an der Universität March Bloch in Strasbourg. Während des Studiums drehte Nicolás die preisgekrönte Kurzdokumentation Into the Darkness. Ihr Film Space in Between wurde unter anderem auf dem International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA) und Visions du Réel in Nyon gezeigt.
Filmografie: Into the Darkness (2004), Space in Between (2012)
Kamera: Sameena Safiruddin, Noelia Nicolás
Schnitt: Noelia Nicolás, María Campaña Ramia

Stein der Geduld
Syngué Sabour, Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012, 98 min, Persisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Atiq Rahimi
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Mit Stein der Geduld verfilmte Autor Atiq Rahimi seinen gleichnamigen internationalen Bestseller. Ihm ist ein ergreifender und visuell atemberaubend schöner Film über Unterdrückung und Selbstbefreiung, die Liebe und den Krieg gelungen, mit dem er und seine Hauptdarstellerin Golshifteh Farahni (My Sweet Pepper Land, Huhn mit Pflaumen) den afghanischen Frauen eine Stimme geben. In einer Stadt in Afghanistan kniet eine junge Frau an der Seite ihres schwer verletzten Mannes, der im Koma liegt. Im Zimmer ist es still, draußen sind Schüsse zu hören. Dann beginnt sie zu reden. Sie erzählt ihm, was sie vorher nie zu sagen wagte, von dem Drama, das die Ehe für sie bedeutet, ihren Wünschen und Geheimnissen. Er wird zu ihrem Stein der Geduld, der ohne zu urteilen alles in sich aufnimmt. Sie beschützt ihn vor Kriegern und Bomben, und entdeckt dabei sich selbst. Doch wie viel kann ein Stein der Geduld ertragen, bevor er zerspringt? „Ich entstamme einer Kultur, in der die gesprochene Sprache von essenzieller Bedeutung ist – aus einem Land, in dem 95% der Bevölkerung aus Analphabeten entsteht.“, so Atiq Rahimi, Romanautor und Regisseur. „Das gesprochene Wort filmen“ und es als Akt ansehen – nach dieser Maßgabe entstand Stein der Geduld. Mittels verschiedener Dimensionen wie Sprache, Gedanken und Gestik, die allein das Medium Film in einem einzigen Augenblick zeigen kann, übermittelt er Dinge, die mit seinem Roman nicht möglich waren. Z.B. in der Sequenz, in der die Frau den Mann streichelt; ihr Blick wendet sich dem Mann zu und sie sagt zu ihm: „Hoffentlich wird dich eine umherirrende Kugel treffen!“ Diese harten Worte stehen im krassen Gegensatz zu der Zärtlichkeit ihres Blickes. Die Mehrdeutigkeit des menschlichen Wesens erschließt sich dem Zuschauer somit erst auf der Leinwand. Meisterhaft umgesetzt zieht Stein der Geduld ihn damit in einen Bann, in dem er das ganze Ausmaß der Unterdrückung, Fremdbestimmung und Unfreiheit der afghanischen Frauen auf subtile Weise erfährt.
Regie: Atiq Rahimi
Biografie: Atiq Rahimi wurde 1962 in Kabul geboren. Er war 17 Jahre alt, als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Er flüchtete nach Pakistan und bekam schließlich 1984 politisches Asyl in Frankreich. Nach dem Sturz der Taliban 2002 kehrte Rahimi nach Afghanistan zurück, wo er eine Adaption seiner Novelle Erde und Asche drehte. Die Verfilmung des Buches, Earth and Ashes, lief 2004 in Cannes und gewann zahlreiche Preise. Seit 2002 kehrte er einige Male nach Afghanistan zurück, um in Kabul ein Literatenhaus zu errichten. Sein Roman Stein der Geduld gewann 2008 den Prix Goncourt.
Filmografie: Earth and Ashes (2003), Stein der Geduld (2012)
Kamera: Thierry Arbogast
Schnitt: Hervé de Luze
mit: Golshifteh Farahani, Hamid Djavadan, Hassina Burgan
Produzent*in: Michael Gentile
Produktionsfirma: The Film, Razor Film Production
Weltvertrieb: Le Pacte
Deutscher Verleih: Rapid Eye Movies

A Stranger
Obrana i zaštita, Kroatien, Bosnien und Herzegowina 2013, 83 min, Kroatisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Bobo Jelčić
Internationaler Wettbewerb
Inhalt und Infos
Inhalt
Mostar, die herzegowinische Geburtsstadt des Regisseurs, ist seit dem Krieg faktisch geteilt: Im westlichen Teil leben vor allem christliche Kroaten, im östlichen muslimische Bosniaken. Die berühmte Brücke über die Neretva, die 1993 von Kroaten zerstört wurde, ist zwar rekonstruiert, doch auf die andere Seite geht man nicht. Deshalb gerät Slavko (Bogdan Diklic) in ein Dilemma, als ein alter muslimischer Familienfreund stirbt. „Er ist unschlüssig, ob er als Kroate an der Beerdigung im muslimischen Teil von Mostar teilnehmen soll. Einerseits fühlt er sich verpflichtet, andererseits fürchtet er Anfeindungen seines Umfelds. Seine Frau ist verärgert, und auch sein Sohn hat genug von seinen immer gleichen Monologen. Innerlich zerrissen und zutiefst gespalten haben der Mann und seine Stadt etwas gemeinsam. Dass Mostar, fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, immer noch geteilt ist, darauf beruht dieses Psychogramm. Eine unsichtbare Grenze aus Argwohn und Misstrauen bestimmt den Alltag der Menschen. Slavko möchte nichts falsch machen, hat aber das Gespür für das, was er wirklich will, verloren.“ (Birgit Kohler) „A Stranger ist ein stilles, in gedeckten Farben gehaltenes Psychogramm. Nebenbei fängt es in sehr lebensnahen Dialogen den traurig-apathischen Alltag in Mostar ein. Nur für Momente brechen die Figuren aus: Die Tochter des Verstorbenen hat auf der Rückfahrt in den kroatischen Teil von Mostar einen Zusammenbruch, und zwei von Slavkos Todesfantasien werden visualisiert. Doch schon in der jeweils nächsten Szene geht wieder alles seinen gewohnten Gang. In Innenräumen filmt die Kamera häufig durch Türrahmen und wird ohne Stativ geführt. Das erzeugt eine ganz eigene Präsenz – als stünde ständig eine weitere Person im Raum, was Slavkos Gefühl des Beobachtetwerdens spiegelt. Mit seiner Paranoia ist er nicht allein in der zerrissenen Stadt an der Neretva im zerrissenen Staat Bosnien.“ (Nadine Lange)
Regie: Bobo Jelčić
Biografie: Bobo Jelčić wurde 1964 in Mostar geboren, studierte Regie an der Schauspielakademie in Zagreb und ist seither an Theatern in Kroatien, Deutschland, Österreich und der Schweiz als Regisseur tätig. Außerdem ist er Professor für Schauspiel an der Schauspielakademie in Zagreb. A Stranger ist sein erster Spielfilm.
Filmografie: Black Coffee (2005), A Stranger (2013)
Kamera: Erol Zubčević
Schnitt: Ivana Fumić
mit: Bogdan Diklić, Nada Đurevska, Ivana Roščić, Izudin Bajrović
Produzent*in: Zdenka Gold
Produktionsfirma: Spiritus Movens Production, HRT, KADAR
Weltvertrieb: Rendez-vous Pictures

Two Girls Against the Rain
Bopha Pitorng Chhomnas Tekpleang, Kambodscha 2012, 11 min, Khmer mit englischen Untertiteln, Regie: Sao Sopheak
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Ein bezaubernder, Mut machender und berührender Film über ein lesbisches Paar in Kambodscha. Die beiden Frauen kennen und lieben sich seit der Zeit der Roten Khmer. Ihre tiefe Verbundenheit und Kraft hat alle Widerstände, auch die ihrer Familien, überwunden. (Berlinale 2013)
Regie: Sao Sopheak
Biografie: Sao Sopheak wurde 1979 in der Kampong Cham Provinz, Kambodscha, geboren. Sie studierte zunächst Business Management und begann 2009 mit Unterstützung des Goethe-Instituts an der M.E.T.A. Filmhochschule in Phnom Penh zu studieren.
Filmografie: Black Coffee (2005), A Stranger (2013)
Kamera: Sao Sopheak
Schnitt: Sao Sopheak, Phan Yasi
Produzent*in: Sao Sopheak

Tzvetanka
Bulgarien, Schweden 2012, 66 min, Bulgarisch mit englischen Untertiteln, Regie: Youlian Tabakov
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Opulent, verspielt und bisweilen heiter erzählt Youlian Tabakov in seinem Debüt die wechselvolle Lebensgeschichte seiner Großmutter, einer Bulgarin, die drei politische Systeme durchlebt hat – von der Monarchie über den Sozialismus bis zur Demokratie. 1926 wurde Swetanka Goschewa in eine großbürgerliche Kaufmannsfamilie geboren, die ihr den Besuch einer privilegierten Schule in Sofia ermöglichte. Dieser großbürgerliche Hintergrund wird ihr nach dem Krieg zum Verhängnis: Am 9.9.1944 marschiert die Rote Armee in Bulgarien ein und interniert zunächst ihren Vater, schließlich auch ihre Mutter. Keiner der beiden wird sich je davon erholen. Mit viel Glück gelingt es ihr, zum Studium zugelassen zu werden. Sie wird Ärztin, erfährt jedoch viele Demütigungen und Behinderungen in der Arbeit. Dennoch bleibt sie im Land, obwohl sie Möglichkeiten gehabt hätte, im Ausland zu leben. „In der Krankheit ändern sich die Menschen,“ sagt sie. Ihr letzter Arbeitstag ist ironischer weise der 10. November 1989, der Tag an dem Todor Schiwkow gestürzt wird. Was folgt, nennt sich Demokratie, doch Korruption und gesellschaftlicher Unmut prägen den Alltag. Regisseur Youlian Tabakov ist ausgebildeter Szenenbildner. Davon inspiriert verwebt er das dokumentarische Material mit animierten und inszenierten Passagen, mit dem Ergebnis einer wahren Flut an phantasievollen und überraschenden Bildern. So wird Tzvetanka zu einem assoziativen Dokumentarfilm mit einer wunderbar experimentellen, theatralen Bildersprache über die bewegte und bewegende Lebensgeschichte einer starken Frau in Osteuropa, die eigentlich Schauspielerin werden wollte. In diesem Film hat die zierliche Frau ihren ganz persönlichen Auftritt.
Regie: Youlian Tabakov
Biografie: 1975 in Bulgarien geboren, hat Youlian Tabakov Szenenbild an der Nationalen Kunstakademie N. Pavlovich’ in Sofia und Bildende Kunst an der ENS des Beaux-Arts in Paris studiert. Danach arbeitete er als Bühnenbildner an verschiedenen Theatern in Bulgarien, Russland und Schweden. Es folgten Einzel- und Gruppenausstellungen. 2011 wurde er mit dem ‚Goldenen Zeitalter‘ für seinen Beitrag zur Weiterentwicklung der Bulgarischen Kultur ausgezeichnet. Tzvetanka ist sein erster Dokumentarfilm.
Filmografie: Tzvetanka (2012)
Kamera: Adam Nilsson
Schnitt: Nina Altaparmakova, Adam Nilsson, Youlian Tabakov, Johan Söderberg
Produzent*in: Mårten Nilsson, Martichka Bozhilova
Produktionsfirma: gnufilm, Agitprop,
Svt
Weltvertrieb: Taskovski Films Ltd.

Undress Me
Ta av mig, Schweden 2013, 15 min, Schwedisch mit englischen Untertiteln, Regie: Victor Lindgren
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Mikaela hat sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen und ist endlich auch körperlich eine Frau. In einer Bar lernt sie einen jungen Mann kennen – gemeinsam gehen sie zu ihr nach Hause. Der Neugier des jungen Mannes stellt Mikaela ihre eigenen Wünsche entgegen. Das Spiel beginnt … Undress Me gewann den Teddy Short Film Award der diesjährigen Berlinale. Hauptdarstellerin Jana Bringlöv Ekspong schrieb auch das Drehbuch.
Regie: Victor Lindgren
Biografie: Victor Lindgren wurde 1984 in Holmsund, Schweden, geboren und ist Regisseur. Er arbeitet seit seiner Schulzeit im Film- und Fernsehbereich und ist einer der Eigentümer der Produktionsfirma Bautafilm. Auf Festivals und an Schulen bringt er Kindern das Filmemachen bei.
Filmografie: Undress Me (2013)
Kamera: Mattias Andersson
Schnitt: Victor Lindgren
mit: Jana Bringlöv Ekspong, Björn Elgerd
Produzent*in: Therese Högberg
Produktionsfirma: Bautafilm
Weltvertrieb: Botnia Film

Unfinished Journeys
Dänemark 2012, 43 min, Dänisch, Grönländisch mit englischen Untertiteln, Regie: Vladimir Tomić
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Was bleibt nach 300 Jahren Kolonialherrschaft von der ursprünglichen Kultur eines Landes übrig? Nicht in Afrika, sondern in Grönland macht sich Vladimir Tomić in seinem beeindruckenden Filmessay auf die Suche nach dem postkolonialen Trauma einer Nation. Im Zentrum des Filmes steht Niels, halb Däne, halb Grönländer. Er macht sich auf die Reise zu seinen grönländischen Wurzeln und findet die Spuren der Verletzungen, die das dänische Kolonialsystem in der grönländischen Bevölkerung hinterlassen hat. Und so stellt sich im Laufe der Suche mehr und mehr die Frage, was von einer ursprünglichen Inuit-Identität nach jahrhundertelangem Einfluss dänischer Normen und Wertvorstellungen noch übrigbleiben kann. Auf seiner Reise in die eigene Vergangenheit begegnet Niels großartigen Menschen und einem zerrissenen Land. Tomić gelingt es, kunstvoll kombinierte Landschaftsaufnahmen, historische Dokumente, Alltagsszenen und Gespräche zu einer realistischen und zugleich poetischen Erzählung zu verknüpfen. Eine Erzählung, die vor Augen zu führen vermag, in welch massiver Weise die Kolonialherrschaft sowohl das individuelle als auch das gesellschaftliche Leben in Grönland bis heute prägt.
Regie: Vladimir Tomić
Biografie: Vladimir Tomić wurde am 3. November 1980 in Sarajewo, Bosnien & Herzegowina, geboren. Er schloss sein Studium an der Danish Academy of Fine Arts Media 2009 ab. Er lebt und arbeitet in Kopenhagen. Tomićs Kunstfilme stehen im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Kunst und experimenteller Dokumentation. Universelle und menschliche Spannungen, verursacht von der sich verändernden Struktur der Gesellschaft, stehen oftmals im Mittelpunkt seiner Kunstfilme.
Filmografie: The Trilogy (1. Dead Nature and Movements; 2. The Pianist; 3. The Mailman) (2003-2004), Echo (2005), The Valley of Shadows (2006), My Lost Generation (2009), Unfinished Journeys (2012)
Schnitt: Lasse Barkfors
Produzent*in: Tijana Mišković
Produktionsfirma: VT Copenhagen

Ways to Kill. Yoro S.
Spanien 2012, 30 min, Spansich mit englischen Untertiteln, Regie: Alex Garcia Martinez
Internationales Forum Kurzfilm
Inhalt und Infos
Inhalt
Yoro S. kam 2007 von Mali nach Spanien und ist wie viele afrikanische Arbeitsimmigranten immer kurz davor abgeschoben zu werden. Er war mit dem Regisseur Alex Garcia Martinez befreundet und schien es fast geschafft zu haben, als er auf einer Baustelle zu Tode kam. Der Regisseur geht in seinem warmherzigen, intelligenten, klug geschnittenen Filmessay den Umständen des Todes seines Freundes nach. Die einzelnen Kapitel der Geschichte werden durch Yoros Habseligkeiten im Moment seines Todes strukturiert. Altes Filmmaterial mit ihm wird ebenso benutzt, wie eine Passanten-Befragung auf der Straße zum Thema „Was ist Ökonomie“. Intelligent stellt der Regisseur die Bezüge zwischen dem ökonomischen System und Yoros Tod her. Yoro ist zunächst kaum zu sehen. Der Film scheint ohne ihn auskommen zu wollen, als sei er nur ein Beispiel unter vielen. Zunehmend erscheint er häufiger und länger und spricht weniger über seine Geschichte, als über Klischees und kleine alltägliche Dinge, die sich zu einem beeindruckenden Gesamtfilm zusammensetzen. Aus dem Objekt des Films wird ein Subjekt, indem sich allmählich die Persönlichkeit Yoros herauskristallisiert.
Regie: Alex Garcia Martinez
Biografie: Alex Garcia Martinez ist ein spanischer Filmemacher und Kameramann. Er studierte Film und audiovisuelle Medien an der ESCAC Barcelona, machte seinen Abschluss im Spezialgebiet Photographie in 2001. 2007 drehte er seinen ersten Dokumentarfilm, The Life After, mit Oscar Malo. Die letzten Jahre kombinierte er seine Arbeit als DoP, drehte Dokumentationen, fotografierte für Reportagen und lehrte. Zudem spricht er Französisch und Englisch zu seinen Muttersprachen Katalanisch und Spanisch.
Filmografie: The Life After (2007), Ways to Kill. Yoro S. (2012)

A World Not Ours
Großbritannien, Dänemark, Libanon 2012, 93 min, Englisch, Arabisch mit englischen Untertiteln, Regie: Mahdi Fleifel
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
„Ain el-Helweh ist besser als Disneyland!“ sagt Mahdi Fleifel, der dänische-palästinensische Regisseur von A World Not Ours, der Jahr für Jahr in das libanesische Flüchtlingslager zurückkehrt, um Familie und Freunde zu besuchen. Dort leben seit 1948 über 70.000 palästinensische Flüchtlinge auf einem Quadratkilometer. Ohne Pass und mit der Hoffnung irgendwann nach Palästina zurückzukehren. Seit Jahren schon filmt Fleifel, und vor ihm schon sein Vater, seine Rückkehr und so schufen sie unbewusst ein filmisches Tagebuch über den Alltag der Eingeschlossenen, der von Stagnation und Warten geprägt ist. Im Mittelpunkt steht Fleifels Jugendfreund Abu Eyad, ein leidenschaftlicher Fußballfan und Sicherheitsmann der Fatah, der erzählt, wie er als Heranwachsender von libanesischen Geheimdienstlern gefoltert wurde. Die Abwechslung in den Alltag bringt die Fußball-WM alle vier Jahre: Ein Ausnahmenzustand, bei dem jeder Einwohner für ein paar Wochen zum Brasilianer, Italiener oder Deutschen wird und leidenschaftlich mit „seinem“ Team mitfiebert. Doch auch die WM ist nur zeitlich begrenzt und es kehrt schließlich der Alltag ein und mit jedem Besuch des Regisseurs Fleifel begreift Abu Eyad immer mehr seine Ausweglosigkeit. Desillusioniert verlässt Abu Eyad irgendwann die Fatah, und will, wie so viele, nur noch weg. Und so entwickelt sich aus dem sarkastischen und vielfach preisgekrönten home movie das bedrückende Bild einer Welt, deren Bewohner gefangen sind in den Fallstricken internationaler Politik.
Regie: Mahdi Fleifel
Biografie: Mahdi Fleifel wurde 1979 in Dubai geboren und wuchs im Flüchtlingslager Ain el-Helweh im Libanon und später in einem Vorort von Elsionore, Dänemark, auf. 2009 schloss er sein Studium an der National Film and Television School in London ab, wo er heute lebt und arbeitet. Sein Kurzfilm Arafat & I lief auf Festivals weltweit und gewann zahlreiche Preise. Mit dem irischen Produzenten Patrick Campbell gründete er 2010 die Produktionsfirma Nakba Filmworks. A World Not Ours ist Fleifels erster abendfüllender Dokumentarfilm.
Filmografie: Shadi In The Beautiful Well (2003), Hamoudi & Emil (2004), The Writer (2007), Arafat & I (2008), Four Weeks (2009), A World Not Ours (2012)
Kamera: Mahdi Fleifel
Schnitt: Michael Aaglund
Produzent*in: Patrick Campbell, Caglar Kimyoncu, Mahdi Fleifel
Produktionsfirma: Nakba Filmworks
Weltvertrieb: MPM Film

Yumen
USA, China 2013, 65 min, Englisch, Mandarin mit englischen Untertiteln, Regie: J.P. Sniadecki, Huang Xiang, Xu Ruotao
Internationales Forum
Inhalt und Infos
Inhalt
Der Film Yumen spielt in der nahezu vollständig verlassenen Geisterstadt Yumen, einer Stadt, die in der Provinz Gansu, im trockenen Nordwesten Chinas liegt und die einst aufgrund ihrer Ölproduktion gedieh. Yumen ist ein gespenstisches, fragmentiertes Märchen, das von hungrigen Seelen, einer rastlosen Jugend, einem umherirrenden Künstler und einer einsamen Frau handelt, die in der Ruinenlandschaft der Stadt nach menschlicher Bindung sowie einer gemeinsamen Vergangenheit suchen. Teils Ruinen-Voyeurismus, teils Gespenstergeschichte, komplett auf 16 mm gedreht, bringt der Film narrative Gebärde, Performancekunst und sozialistischen Realismus zusammen und formt daraus eine simple und leuchtende Collage, die nicht bloß mit Konventionen spielt und Genres trotzt, sondern zugleich eine Hommage auf eine Lebenswelt und ein Medium ist, die im Begriff sind langsam zu verschwinden.
Regie: J. P. Sniadecki
Biografie: J. P. Sniadecki wurde 1979 in Michigan geboren und ist Filmemacher und Doktorand in Medienanthropologie in Harvard. Seine Arbeiten – die sich an der Schnittstelle von Kunst, Kino und Ethnografie bewegen – werden bei Festivals, an Universitäten, in Museen und Galerien gezeigt. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter zwei Goldene Leoparden beim Locarno International Film Festival für Foreign Parts (Co-Regie mit Véréna Paravel). Er ist Gründer und Kurator von Emergent Visions, einer Filmreihe, die neues unabhängiges Kino aus China zeigt.
Filmografie: Foreign Parts (2010), Yumen (2013)
Regie: Huang Xiang
Biografie: Huang Xiang wurde 1974 in Südchina geboren und lebt und arbeitet in Songzhuang, Peking. Für sein Performance-Stück Jasmine Flower wurde er 30 Tage lang in polizeilichen Gewahrsam genommen, auch danach wurden seine künstlerische Produktion und seine Ausstellungen verhindert. Heute widmet er sich vorrangig einem unabhängigen Filmschaffen, der erste Langspielfilm, für den er Regie führte und den er produzierte, ist Roast Chicken (2012), gefolgt von Yumen.
Filmografie: Roast Chicken (2012), Yumen (2013)
Regie: Xu Ruotao
Biografie: Xu Ruotao wurde 1968 in Shenyang, China, geboren und ist bildender Künstler und Regisseur. Er lebt und arbeitet in Songzhuang, einem Künstlerdorf in der Nähe von Peking. Xu begann seine Künstlerkarriere in Yuanmingyuan, Chinas erstem unabhängigen Künstlerdorf. Im Jahr 2000 begann er Filme zu machen, seither hat er zwei Langspielfilme produziert.
Filmografie: Rumination (2009), Yumen (2013)
Kamera: J.P. Sniadecki, Huang Xiang
Schnitt: Xu Ruotao, J.P. Sniadecki, Huang Xiang
Produktionsfirma: Film Study Center
at Harvard University
Deutscher Verleih: Arsenal – Institut für Film und Videokunst
e.V.

Zaytoun
Israel, Großbritannien 2012, 107 min, Englisch, Arabisch, Hebräisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Eran Riklis
Previews im Cinecittà
Inhalt und Infos
Inhalt
Es sind unglückliche Umstände, die Fahed, einen palästinensischen Jungen und Yoni, einen israelischen Soldaten, zusammenführen. Auf ihrer gemeinsamen Reise durch ein politisch zerrissenes Land entwickelt sich die anfänglich von Feindschaft geprägte Allianz nach und nach zu einer sehr besonderen Freundschaft. 1982, Libanonkrieg. Der zwölfjährige Fahed lebt in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut, wo Konflikte, Unruhen sowie die Präsenz von Soldaten seine Alltagswelt prägen. Bei einem Bombenangriff der israelischen Luftwaffe kommt sein Vater ums Leben. Yoni, ein israelische Kampfpilot, der bei dem Attentat abstürzt, wird von der PLO gefangen genommen und rückt darauf in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Faheds, der an ihm all seine Trauer und Wut entlädt. Bald darauf verbündet er sich jedoch mit dem Gefangenen. Er soll ihn zum Geburtstort seines Vaters führen, wo er einen Olivenbaum pflanzen und somit dessen letzten Willen erfüllen möchte. Yoni, der damit der Gefangenschaft entkommt und sich in Richtung seiner Heimat aufmachen kann, lässt sich auf das Bündnis ein. Zaytoun ist kein Film über Politik. Im Fokus steht eine unwahrscheinliche Freundschaft, deren Entwicklung für beide Seiten nicht nur eine geographische, sondern auch eine persönliche Grenzüberschreitung mit sich bringt. Ganz sich diesem sensiblen Thema widmend, verzichtet Eran Riklis auf eine Darstellung, die von uralten Feindseligkeiten geprägt ist und zeigt in kleinen Schritten, wie die beiden Charaktere immer mehr zusammenwachsen.
Regie: Eran Riklis
Biografie: Eran Riklis wurde 1954 geboren. Er ist in der Filmbranche seit 1975 aktiv. Nach seinem Abschluss an der Beaconsfield National Film School in England drehte er 1984 seinen ersten Film On a clear Day you can see Damascus, einen Politthriller, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Sieben Jahre später drehte er den preisgekrönten Cup Final, der u.a. auch auf der Berlinale und in Venedig zu sehen war. Die syrische Braut (2004) und Lemon Tree (2008) wurden weltweit gefeiert. Darüber hinaus drehte Riklis Kurzfilme, Werbung und TV-Serien. Er lebt in Tel Aviv.
Filmografie: Auswahl: Vegvul Natan (2002), Pituy (2002), Die syrische Braut (2004), Lemon Tree (2008), Die Reise des Personamanagers (2010), A Soldier and a Boy (2011), Playoff (2011), Zaytoun (2012)
Kamera: Dan Laustsen
Schnitt: Hervé Schneid
mit: Stephen Dorff, Abdallah El Akal, Alice Taglioni
Produzent*in: Frederic Ritzenberg, Gareth Unwin
Produktionsfirma: United King Films Ltd., Far Films, Bedlam Productions Ltd., Eran Riklis Productions Ltd.
Weltvertrieb: Pathé International
Deutscher Verleih: Senator Film Verleih
Gäste
- Daniel Abma (Regisseur Nach Wriezen)
- Ali Samadi Ahadi (Regisseur 45 Minutes to Ramallah)
- Meisam Amini (Musiker, Protagonist Can’t Be Silent)
- Negar Azerbayjani (Regisseur Facing Mirrors)
- Mohamed Ben Halim (Tripoli Human Rights Film Festival)
- Andrzej Chyra (Schauspieler Im Namen des…)
- Christine Cynn (Produzentin The Act of Killing)
- Sawsan Darwaza & Ehab Al-Khatib (Karama Human Rights Film Festival, Amman)
- Nynke Douma (Field Producer Justice for Sale)
- Abu Eyad (Protagonist A World Not Ours)
- Anne Kodura & Friede Clausz (Regisseurin und Produzent ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt)
- Abdurrahim Adel Enwiji (Tripoli Human Rights Film Festival)
- Tom M. Fassaert (Internationale Jury)
- Lukas Foerster (Internationale Jury)
- Tinatin Gurchiani (Regisseurin The Machine which Makes Everything Disappear)
- Bobo Jelčić (Regisseur A Stranger)
- Hana Kulhankova (One World Filmfestival, Prag)
- Silvina Landsmann (Regisseurin Soldier/Citizen)
- Moira Lang (Produzentin Norte, the End of History)
- Raymond Lee (Schauspieler Norte, the End of History)
- Dr. Grit Lemke (Internationale Jury)
- Barbara Lorey de Lacharrière (Filmkritikerin)
- Patricia Litten (Schauspielerin)
- Patrick Marnham (Regisseur Snake Dance)
- Gabriele Neudecker (Regisseurin Deserteur!)
- Kumjana Novakova (Internationale Jury)
- Julia Oelkers (Regisseurin Can’t be Silent)
- Damien Ounouri (Regisseur Fidaï)
- Vadim Ostrovskiy (Regisseur Picket)
- Sridhar Rangayan (Regisseur Breaking Free)
- Ina Rossow (Internationale Jury)
- Arash Setodeeh (Regisseur Fire Under the Ashes)
- Yoav Shamir (Regisseur 10% – What Makes a Hero?)
- Marc Schmidt (Regisseur Matthew’s Law)
- Johanna Straub
- Fereshteh Taerpour (Produzent Facing Mirrors)
- Danis Tanović (Regisseur Aus dem Leben eines Schrottsammlers)
- Vladimir Tomić (Regisseur Unfinished Journeys)
- Bram Van Paesschen (Regisseur Empire of Dust)
- Vanina Vignal (Internationale Jury)
- Jons Vukorep (Regisseur Short for Vernesa B.)
Rahmenprogramm

Patrica Litten liest aus „Eine Mutter
kämpft gegen Hitler“ von Irmgard Litten
Lesung
Infos
Der linke Rechtsanwalt Hans Litten wagte es 1931, Adolf Hitler in den Zeugenstand zu rufen und ihn öffentlich bloßzustellen. Hitler verzieh ihm das nie: 1933 wurde Litten verhaftet und 1938 in Dachau in den Tod getrieben. Seine Mutter Irmgard kämpfte fünf Jahre für seine Freilassung: 1940 erschien ihr Bericht „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“. Irmgards Enkelin, die Nürnberger Schauspielerin Patricia Litten, liest aus diesem aufrüttelnden Zeitzeugnis. Begleitet wird sie dabei von der Cellistin Birgit Förstner. 1933 wird Hans Litten direkt nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Fünf Jahre lang wird er gequält und gefoltert bis er sich 1938 in Dachau das Leben nimmt. Seit seiner Verhaftung hatte seine Mutter Irmgard nichts unversucht gelassen, ihm zu helfen – Besuche bei Nazi-Bonzen, kodierte Geheimbotschaften an den Sohn, Lobbyarbeit bei Vertretern ausländischer Regierungen. Umsonst. Dennoch gab sie nie auf und veröffentlichte zwei Jahre nach Hans‘ Tod ihren Bericht – zunächst in Frankreich, dann in England, 1947 schließlich auch in Deutschland. Patricia Littens Lesung ist somit nicht nur Erinnerung an das Schicksal eines brillanten Anwalts und Hitlergegners, sondern auch Hommage an eine beeindruckend mutige Frau. Das Hörbuch zu dieser Lesung erschien unter dem Titel „Trotz der Tränen: Hans Litten“ im August 2013 im Uccello-Verlag.

Teargas makes Lemonade – ISTANBUL 2013
Ausstellung
Infos
Istanbul 2013 steht für den politischen Aufstand eines Teils der türkischen Gesellschaft gegen die Macht der AKP (türkischen Regierungspartei) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Die AKP hat die absolute Mehrheit in der Türkei. Seit der letzten Wahl versucht Staatspräsident Erdogan sein konservativ-islamisches Projekt, ohne Rücksicht auf große Teile der Bevölkerung zu nehmen, durchzusetzen. Die Fotografie- Klasse der TH Nürnberg war zufällig im Juni, zur Zeit der Aufstände, in Istanbul am Taksim- Platz und am Gezi-Park. „Das Spektrum der Erlebnisse reichte von ausgelassen singenden Menschen unter den Bäumen des Gezi-Parks, bis hin zu schnellen Schritten im stechenden und Atem nehmenden Reizgasnebel auf dem Taksim-Platz. Haut, Augen und Gliedmaßen brennen! Und doch darf man sich nicht kratzen, wie bei einem Mückenstich. Das Einzige, was gegen das Brennen hilft ist Milch und Zitrone. Die Mücke hier ist aber kein kleines Insekt, sondern eine gewalttätige riesige Übermacht, die ihre Legionäre losschickt…“ so Susanne Kaiser und Katharina Scheidig, stellvertretend für ihre Klasse. Fotos: Elmas Bagci, Kristina Becker, Susanne Kaiser, Philipp Kimmelzwinger, Karol Kowalski, Nadine Messerschmitt, Katharina Scheidig, Sabrina Toifl, Katharina Träg, Andreas Walter, Prof. Yvonne Seidel, Klaus Schwappach. Veranstalter: Studentische Projektgruppe, in Kooperation mit KOMM-Bildungsbereich. Zu sehen sind die Fotografien im großen Treppenhaus des Künstlerhauses.

Der „Arabische Frühling“ und das Kino
Podium
Infos
Bereits seit mehreren Jahren unterstützt das Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte (NIHRFF) neu gegründete Menschenrechtsfilmfestivals auf der ganzen Welt; so unter anderem auch das Karama Human Rights Film Festival aus Amman, Jordanien, das 2010 zum ersten Mal stattfand. Die politischen Umwälzungen in der arabischen Welt 2011 eröffneten neue Möglichkeiten, das Thema Menschenrechte zu thematisieren – auch in Ländern, in denen das bis dahin ausgeschlossen war. In diesem Prozess spielten Filmfestivals von Anfang an eine tragende Rolle. Im Jahr 2012 entstanden schließlich die ersten Menschenrechtsfilmfestivals in Libyen und Tunesien in Kooperation mit NIHRFF und anderen internationalen Menschenrechtsfilmfestivals. In Nürnberg wird NIHRFF-Leiterin Andrea Kuhn mit Sawsan Darwaza, Ehab Al-Khatib (beide Karama Human Rights Film Festival, Amman), Elyes Baccar (Human Screen International Human Rights Film Festival, Tunis) sowie mit Mohamed Ben Halim und Abdurrahim Adel Enwiji (beide Tripoli Human Rights Film Festival, Tripolis) über die Bedeutung von und die Chancen für Filmfestivals und das Kino in Zeiten des politischen Umbruchs diskutieren.


Radio Z Talk
Live-Talks in der Festivallounge
Infos
Während des Festivals überträgt Radio Z täglich von 21-22 Uhr live aus der Festivallounge (Künstlerhaus, 1. OG Kopfbau) Interviews und Gespräche mit Regisseur*innen, Beteiligten und Organisator*innen; im Mittelpunkt steht das abendliche Filmprogramm. Mit freundlicher Unterstützung von Radio Z. Radio Z ist empfangbar im Großraum N-FÜ-ER auf UKW 95,8 MHz und über Livestream auf www. radio-z.net.
Im Anschluss an den Live Act des Abends übernehmen ab ca. 23.00 Uhr die renommierten Radio Z-DJs und führen mit einem vielfältigen Musikprogramm durch die Nacht.
Radio Z DJ: Philip Manthey // HipHop bis Bass 3.10.2013
Radio Z DJ: Im Anschluss Radio Z DJ: Axel Nerlich // Lo-Fi 4.10.2013
Radio Z DJ: Christian Seitz // Elektronisches 5.10.2013Uhr
Radio Z DJ: Christian Mosbacher // Avant Pop & Beats 6.10.2013
Radio Z DJ: jazz:pa // Future HipHop 7.10.2013
Radio Z DJ: Christian Seitz // Elektronisches 8.10.2013
Radio Z DJ: Thomas Singer // Gute Gitarren 9.10.2013


Konzerte
Jeden Abend ab 22.00 Uhr lassen sieben tolle lokale Liveacts, die das Festival mit einem Unplugged-Auftritt unterstützen, die Festivalabende in der Lounge ausklingen. vom Musikverein (www.musikverein-concerts.de) und Bekassine Records. Alles Eintritt frei!
Infos
Formfree – Kammer-Indie 3.10.2013, 22 Uhr
Charmante Zweistimmigkeit und sanft pulsierenden Klänge von akustischen Gitarren und Klavier.
Tjian – Indie/Folk 4.10.2013, 22 Uhr
Ein Sound wie eine frühe B-Seite von Beck, auf der Adam Green einen Jeffrey Lewis Song covert.
Schleuse – Experimenteller Folk 5.10.2013, 22 Uhr
Sie stehen zu Fünft auf der Bühne und erzählen Geschichten über Wind- und Weltmaschinen, über Gottesteilchen und manchmal auch über dieses eine besondere Tier, das nur in der Abenddämmerung aus dem See kriechen wird.
DRNTTCKS – Sound gegen Sound 6.10.2013, 22 Uhr
DRNTTCKS setzen innerhalb ihrer Live-Improvisationen Sound gegen Sound. Gitarrenschichten, Klappern, Surren, Brummen steigern sich zu einer unwirklichen Noise-Collage.
Georg Ober – Songwriter 7.10.2013, 22 Uhr
Musikalisch vereint Georg Ober all das Schöne von Songs, die man irgendwie schon mal gehört hat – aber eben kaum so ausdrucksvoll vorgetragen. Seine Version von Akustik-Folk greift Grunge-Elemente sowie balladeske Momente eines Neil-Young-Unplugged-Abends auf.
The GoHo Hobos – Cheesy Country, Folk & Singalong 8.10.2013, 22 Uhr
The GoHo Hobos lassen sich von der Kultur US-amerikanischer Wanderarbeiter beeinflussen. In ihrem Rucksack steckt eine Mischung aus bizarrem Humor, traditionellem Liedgut, Americana, Country und Folksong.
YAPIandFRE Y – Accustic Offbeats 9.10.2013, 22 Uhr
Der stilvolle Offbeat, gepaart mit englischen und französischen Texten, unterstreicht den subtropischen Charakter ihrer Klänge.





