NIHRFF-Weekender 2018

Im Jahr zwischen den großen Festivals haben wir Ihnen wieder eine Auswahl spannender Menschenrechtsfilme zusammengestellt, um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen.

Zu den Vorstellungen erwarten wir spannende internationale Gäste. Alle Details finden Sie unten oder in unserem Programmflyer, den Sie hier als PDF herunterladen können.


Mr. Gay Syria

F/TK/D 2017, 80 Min., arabische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, Regie: Ayşe Toprak

Zwei Syrer träumen den gemeinsamen Traum, auf Malta an „Mr. Gay World“ teilzunehmen, einem Schönheitswettbewerb für schwule Männer – als erste Araber aus dem Nahen Osten überhaupt bei einer solchen Veranstaltung. Die Motivationen beider Männer sind verschieden: Für den 24-jährigen Friseur Husein, der in Istanbul ein Doppelleben zwischen seiner konservativen Familie und seiner Identität als schwuler Mann führt, ist es der Wunsch, endlich in einer Gesellschaft zu leben, die ihn und seine Sexualität akzeptiert. Diese Freiheit erhofft er sich in der EU zu finden. Der in Berlin lebende 40-jährige LGBTI-Aktivist Mahmoud wünscht sich hingegen eine Plattform für seine Kampagne, um schwulen Moslems internationale Aufmerksamkeit zu bescheren. Doch für die beiden ist es gar nicht so leicht, ihren Traum wahr werden zu lassen.

Donnerstag, 4.10., 19 Uhr, kommkino, zu Gast: Ayşe Toprak
Samstag, 6.10., 17 Uhr, kommkino


Die dritte Option

A 2017, 75 Min., deutsche Fassung, Regie: Thomas Fürhapter

Was tun, wenn man erfährt, dass man ein behindertes Kind erwartet? Ausgehend von dieser Frage entwickelt Thomas Fürhapter seinen komplexen filmischen Essay: Die dritte Option setzt Einzelschicksale im Zeitalter von Pränataldiagnostik und Biopolitik in einen radikal gegenwärtigen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Schicht um Schicht wird der Blick freigeräumt auf grundsätzliche Fragen zu Geburt, Ethik und Norm – so wird das, was nur Wenige betrifft, zu etwas, das alle angeht.

Ein brisanter Film über die biopolitischen Implikationen der Pränataldiagnostik und ein filmischer Essay, der keine Fragen beantwortet – und sich auch nicht anmaßt, ein moralisches Urteil zu fällen. Aber er traut sich, die Fragen, die sich bei diesem brisanten Thema auftun, laut und klar zu stellen. Allen voran: Sind wir eigentlich noch normal?

Freitag, 5.10.,19 Uhr, kommkino
Sonntag, 7.10., 17 Uhr, kommkino


#keinschlusstrich

Tiefenschärfe

D 2017, 14 Min.,  deutsche Fassung, Regie: Mareike Bernien & Alex Gerbaulet

Tiefenschärfe liest in den Markierungen der Orte in Nürnberg, an denen der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2005 drei Morde verübte. Das Bodenlose der Taten lässt als formales Element die horizontale Bildachse immer wieder aus dem Lot geraten. So findet ein Ausloten, Irritieren und Verschieben von Realitätsebenen statt, das den Erschütterungen dieser scheinbar unskandalisierbaren Angriffe des NSU auf die Wirklichkeit der (post-)migrantischen Gesellschaft nachspürt.

77sqm_9:26min

D/GB 2017, 29 Min., deutsche Fassung, Regie: Forensic Architecture

2006 wurde Halit Yozgat im familienbetriebenen Internetcafé in Kassel getötet. Halit war das neunte Opfer der rassistisch motivierten Mordserie des sogenannten NSU. Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme war zur Tatzeit anwesend, behauptet jedoch, nichts von dem Mord mitbekommen zu haben. Im Auftrag der documenta 14 rekonstruierte das Team von Forensic Architecture die Geschehnisse und überprüfte Temmes Aussage.

Samstag, 6.10., 19 Uhr, kommkino, zu Gast: Birgit Mair (ISFBB e.V.)


Bild des Tages

The Picture of the Day, D, CA 2016, 91 Min., deutsche Fassung, Regie: Jo-Anne Velin

Als der Bürgermeister von Tröglitz zurücktreten musste, weil er sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte, und wenig später deren Heim brannte, drängten sich die Kamerateams in der kleinen Gemeinde in Sachsen- Anhalt. Als der Medientross abzog, kam Jo-Anne Velin – und blieb. Elf Monate, zwischen dem Anschlag und den Regionalwahlen (bei denen die Rechtspopulisten haushoch siegten), verbrachte sie mit den Einwohnern des Ortes.

Als Kanadierin brachte Velin das Fremde mit und entdeckt bemerkenswerte Linien, die zu vielfältig genutzten KZ-Baracken in der Gegend und schließlich zu Imre Kertész führen. Doch nicht nur auf der Zeitachse stellt sie Verbindungen her, sondern auch geografisch. Immer wieder montiert sie Bilder von Flüchtlingen bei der Überfahrt nach Europa mit denen der Menschen von Tröglitz. Das könntest du sein, sagen diese Bilder. Und – weiter gedacht – auch du bist Tröglitz. Ein mutiger Schritt. (Grit Lemke)

Sonntag, 7.10., 11 Uhr, kommkino, zu Gast: Jo-Anne Velin


A Woman Captured

D/H 2017, 89 Min., ungarische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, Regie: Bernadett Tuza-Ritter

Mitten in Europa arbeiten noch heute Menschen in moderner Sklaverei. In diesem Dokumentarfilm treffen wir die 52-jährige Marish, die in Ungarn als Hausangestellte unter menschenunwürdigen Umständen von ihrer tyrannischen Arbeitgeberin ‚gehalten‘ wird. In dieses triste Leben tritt eine Filmemacherin und es geschieht Erstaunliches: zum ersten Mal wird Marish gesehen, zum ersten Mal findet sie so etwas wie Interesse für ihre Situation und für sich als Mensch. Und sie fasst den Mut, etwas Ungeheuerliches zu tun …

Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter zeigt uns unter schwierigen, fast klaustrophobischen Drehbedingungen was moderne Sklaverei bedeutet. Sie rückt an die Seite ihrer Protagonistin und wird zur handfesten Mitverschwörerin. Mit ihrer herausragenden Kameraarbeit zeichnet sie dabei fast nebenbei das ergreifend schöne Porträt einer Frau am Rande der Gesellschaft und gibt ihr damit ihre Würde zurück.

Sonntag, 7.10., 19 Uhr, kommkino, zu Gast: Bernadett Tuza-Ritter